Mantra Musik

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Tagebuch - Gefühle am Mittag


Wie es so oft ist, fangen Gedanken an zu rasen, wenn ein Gespräch ansteht von dem man nicht weiß wie es endet.
So war das bei mir auch. Ich hab mich ins Auto gesetzt und auf der Fahrt zu meinem Therapeuten ging mir alles mögliche durch den Kopf. Vorallem hat mein Gehirn versucht mir die Sätze zu vermitteln die ich sagen muss, als Einleitung oder mitten drin, kurz mein Kopf war beschäftigt, während mein Gefühl der Musik aus dem Radio lauschte und meine Stimme leise mitsummte.
Ich kam zu spät, weil ich erst einen Parkplatz suchen musste, eine sehr seltene Angelegenheit, normalerweise komme ich immer zu früh oder Pünktlich.

Mein Therapeut ist ein sehr interessanter Mensch, Veganer, intelligent, achtsam, belesen. Eine meiner ICH Persönlichkeiten hat ihn geduzt und er sie.
Ich bin seit letztem Jahr bei ihm, weil meine jüngeren Persönlichkeiten nicht mit der Menopause meines Alters zurechtkamen. Das war der einzige Grund, denn eigentlich ging es uns sehr gut. Wir hatten eine gute Art der Kommunikation gefunden und haben uns als viele Teile eines Körpers akzeptiert.
Schon bevor wir zu ihm kamen, waren wir im Außen als Multiple Persönlichkeit geoutet. Für ihn war ich von Anfang an, ein kleines Wunder, denn ich war weder Depressiv, noch hatte ich Tendenzen jemanden zu schaden, ich war von Anfang an sehr klar - jede Persönlichkeit war in sich klar.

Da ich selbst Psychologie studiert habe und Jahrelange Therapieerfahrung habe, war mir das Prozedere nicht neu, wichtig war mir nur, das er Erfahrung mit anderen Multiplen Menschen hatte ansonsten war es mir Egal zu wem ich ging, ob Mann oder Frau spielte für mich keine Rolle. Er hatte Erfahrung und meine Diagnose: DIS/Multiple Persönlichkeit war der Grund warum er mich als Klientin aufnahm. Es war Sympathie auf den ersten Blick, ich mag ihn als Mensch, er ist achtsam und sensibel, das war mir wichtig.

Als ich nun ankam saß ich erst mal etwas sprachlos und als er die typische Frage nach meinem Befinden stellte, musste ich lachen. Mir ging es gut.

Ich sagte ihm das es Neuigkeiten in meinem Leben gibt und dann posaunte ich es einfach hinaus, ich sagte ihm das meine Persönlichkeiten verschwunden sind und ich seit dem nicht weiß wer ich bin.
Zuerst war er erstaunt, aber wir kennen uns mittlerweile recht gut, er weiß das bei mir einiges anders läuft als bei anderen Klienten.
Dann stellte er typische Fragen und ich kam ihn zuvor und antwortete das die Diagnose der Depersonalisation wohl auf mich nicht zutreffe, da ich nichts fremdes empfinde. Und auf jede Erinnerung und jede Empfindung zurückgreifen kann. Da gab es nichts fremdes, nur ein Gefühl von einem zurückliegenden Ereignis das mich nicht mehr tangiert. Das sah er genauso. Ich sagte ihm, das ich sehr dankbar für meine Vergangenheit bin und einen Frieden in mir fühle, wenn ich an meine Eltern denke. Und das ich dankbar bin für diesen Frieden und für dieses Glück kein Leid mehr zu fühlen. Er nickte viel, sah mich an und nickte. Dann sagte er etwas, über das ich vorher gar nicht nachgedacht habe:

"Jo es gab eine Zeit da waren sie noch nicht Viele, da waren sie nur sie selbst. Wenn das eine funktioniert, warum sollte das andere nicht auch funktionieren. Das ist zwar Psychologisch eine absolute Seltenheit und womöglich sind sie der einzige Mensch der eine Multiple Persönlichkeit geheilt aber, aber dann ist es so!" Wir lächelten uns an, ja dann ist es so.
"Sie können jetzt ruhig ein wenig Stolz auf sich sein, für das was sie in ihrem Leben geschafft haben." Ich lächelte und schwieg. Ich fühlte keinen Stolz. Ich fühlte nur Frieden.

Ja es gab eine Zeit da war ich noch eine Person, zwischen meiner Geburt und meinem vierten Lebensjahr.

Ich weiß  nicht wer ich jetzt bin, aber es ist kein Problem für mich. Ich sitze hier und schreibe, während ich gleichzeitig dem Atem meines Hundes zuhöre, ein und aus und ein und aus. Gleichzeitig fühle ich meinen eigenen Atem, ein und aus, ich fühle mein Herz, es pocht im Rhythmus meines Atems. Ich sehe die Finger die die Tasten schnell tippen, aber ich fühle es nicht. Ich fühle meine Finger nicht, ich fühle die Tastatur nicht, es ist einfach alles eins.

Auf den Weg zurück saß ich im Auto und hätte weinen können vor Glück. Ich tat es nicht, es war der Regen der für mich weinte ... 







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