Mantra Musik

Posts mit dem Label Erinnerungen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Erinnerungen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 26. Mai 2017

Elternlos - Kapitel beendet.


Vor ein paar Tagen habe ich vom Tod meiner Mutter erfahren. Meine Nichte war sanft als sie mir sagte, das Sieglinde gestorben ist. Ich saß zu dem Zeitpunkt im Auto auf dem Parkplatz, Shaya saß auf dem Rücksitz und machte Hausaufgaben und Britta war kurz einkaufen. Als sie wiederkam war mein Heulkrampf schon fast vorbei.

Ich kann noch nicht mal sagen, warum ich geweint habe, es war keine Trauer, es war vielmehr das Gefühl gerne trauern zu würden. In dem Moment als ich es erfuhr, kamen viele Gefühle hoch, Gefühle die ich eigentlich schon vergessen hatte, ich hörte in Gedanken ihre Stimme: "Ich hasse dich, hasse dich, hasse dich... " Ein endloses Echo.
Auch auch solche Sätze wie: "was für ein hässliches Balg du doch bist und so was hab ich geboren" Und dann dieses hochziehen der Spucke und ausspucken, direkt in mein Gesicht.
Worte konnten mir damals kaum noch was anhaben, aber diese Spucke, ich habe mich so dermaßen geekelt und doch habe ich mich gezwungen ihr in die Augen zu schauen, wunderschöne grüne Augen in einem hasserfüllten Gesicht.
Ich hat mich unglaubliche Überwindung gekostet, für manche Autisten ist das die Hölle in die Augen anderer Menschen zu schauen und darin zu versinken, tiefer und tiefer... die komplette Emotionswelt des anderen zu sehen, zu erkennen, zu fühlen.
Ich schaff das schon ganz gut, ich konzentriere mich auf die Augenlieder, die Augenbrauen, auf die kleinen Falten unter den Augen.
Manchmal nervt mich meine Frau, weil sie sagt: "Jo schau mir in die Augen" Sie verlangt dann Blickkontakt, weil sie sich dadurch erhofft, dass ich dann besser für sie erreichbar bin.
Bin ich auch... aber es nervt mich trotzdem.

Zurück zu meiner Mutter.

Als ich erfuhr das sie tot ist, kam mir sofort ein Gedanke:

Die Zeit des Verzeihens ist vorbei
Die Zeit des Vergessens beginnt jetzt.


Es gibt nichts mehr zu verzeihen, ich kann einfach aufhören. Alles was ich jetzt noch tun muss ist sie und alles um sie herum vergessen. Ich vergesse ihre Stimme, ihr Gesicht, ihr Verhalten, ihren Hass, ihre Lieblosigkeit, ihre Wut, ihre Gewalt, ihre Zerbrechlichkeit, ihre Stärke, ihre Schwäche, ihre Dummheit, ich vergesse das sie Analphabet war, ich vergesse das sie keine Ahnung hatte wer das ist: Shakespeare, Wild, Poe, Descartes, Aristoteles, Heine und wie sie alle hießen die großen Philosophen und Schriftsteller.
Meine Mutter hat womöglich noch nie ein Buch in der Hand gehabt, dafür konnte sie Saufen bis zur Ohnmacht.

Ich vergesse das sie so dünn war wie ein Streichholz und wie wir sie erhängt fanden, ich vergesse ihre langen Spinnenfinger die nach mir griffen, die gelben Zähne mit den Zahnlücken. Ich vergesse ihren Geruch nach Spülmittelhänden und Palmolive Seife. <
Ich vergesse Toxi, die Geschichte die sie uns erzählte als wir noch klein waren, die Geschichte eines dunkelhäutigen Weisenmädchens, dass von niemanden geliebt wurde und als 12 Jährige schon auf den Strich ging. Ihre Geschichte.
Ich vergesse die Dessous die im Schritt offen waren und die hochhakigen Schuhe, ich vergesse den Raum mit den Pinkfarbenen Plüschsessel und meinen hellblauen Mantel. Und den Geruch und den Gestank nach Pisse und Sperma.
Ich vergesse ihren Gesang: "Ingrid, Gridilein, Stinkgrid, Flitchen, Hässlich Kind" wenn sie mich ärgern wollte.
Ich vergesse die Kämpfe die wir uns geliefert haben, angefeuert von Fremden und meinen Geschwistern. Ich vergesse meine Wut auf sie und die Ohrfeige die ich ihr einmal gab, als sie das letzte Brot vor uns aufaß und lachte obwohl wir seit Tagen hungerten.
Ich vergesse ihr Lachen und ihr weinen, als ihr ungeborenes Baby in meinen Armen starb.
Es gibt unendlich viel was ich vergessen muss.

Ich habe noch Zeit, noch ein paar Jahre, bis nichts mehr von ihr da ist, von ihr nicht und von ihm nicht. Ich habe noch Zeit alles zu vergessen.

Vergessen 
Es sind die Erinnerungen die wir uns holen, immer wieder und wieder, die uns das Leid präsent machen. Sind die Erinnerungen weg, ist auch unser Leid verschwunden.
Es sind die Erinnerungen die Trauer tragen, schwarz und sumpfig, die uns einhüllen wie Spinnweben, uns die Sicht in die Gegenwart versperren.
Es sind die Erinnerungen die uns das atmen erschweren.  

Die Erinnerungen an Eltern die nie Eltern waren, an Verbrechen und Kriege, an Schmerz und Vergeltung, einstürzende Türme und hasserfüllte Visagen, an Inseln die unter gingen und Menschen die vergiftet wurden, an Tot und Mord und Grauen, an Rinnsale voller Blut und Eiter und Kot.
Die Erinnerungen an süsses und saures, an Traditionen und Rituale, an alte Fotos und neue Gemälde. Brennende Gebäude und sinkende Schiffe.
Wir Menschen wollen alles Dokumentieren und Aufbewahren, wir wollen Sammeln und Archivieren. 
Es sind die Erinnerungen die uns nicht erwachsen werden lassen, weil wir immer noch das Kind suchen, das wir nie waren.
Es sind die vielen vielen Erinnerungen an Zeiten die wir in uns tragen und wir erklären es immer und immer wieder so, als sei es notwendig, weil sie uns zu dem machen was wir sind.
Dabei wären wir auch die die wir sind, hätten wir diese Erinnerungen nicht.  
Kein Mensch muss dauernd daran erinnert werden, an den Verlust und die Angst, an das Verbrechen an ganzen Völkergruppen, an die Hautfarbe die falsch ist, oder die Sexualität, die Politik, die Lüge, das falsche Datum, das falsche Zeugnis, das falsche Geständnis.
Kein Mensch braucht Gedenktafel oder Orden, oder irgendwelche Einträge in irgendwelchen Notizblöcken. Wenn wir endlich anfangen würden zu vergessen, würden wir alle heilen können.

Neuanfangen. Neu Erfahren. Neu fühlen, neu berühren. Neu aufbauen und neue Bilder malen um sie neu zu zerstören.
Es sind die Erinnerungen die festhalten und knebeln, kratzen, und krallen, ketten und kleben.
Ich muss vergessen!!!
Ich werde vergessen.

Als mir klar wurde das es immer und immer nur die Erinnerung ist, die Leid mit sich bringt, immer nur das was vergangen war, wurde mir auch klar, das ich nicht viel brauche um all das Gehen zu lassen. Nur eine Entscheidung, mehr nicht.

ICH WERDE VERGESSEN.

Es ist immer noch ein merkwürdiges Gefühl, dass die Monster meiner Vergangenheit alle tot sind.
Es ist gut.
Ich bin die Monster meiner Vergangenheit endlich los.

 

Donnerstag, 26. November 2015

Belastende Gefühle loslassen




Ich habe gestern etwas erfahren, dass mich nachhaltig sehr aufgerüttelt hat... Belastet wäre zu viel gesagt, aber es war heftig.

Hätte man mich noch vor einem Jahr damit konfrontiert, wäre ich womöglich psychisch am Ende gewesen, von Erinnerungen überwältigt und mit negativer Energie überhäuft.
Ich bin heute über das Erkennen der ICH-Illusion sehr dankbar.

Ich kann und möchte hier nicht näher auf meine Erfahrung eingehen, aus Sicherheitsgründen. Aber es war und ist heftig und wird mich noch eine Weile beschäftigen, auch dahingehend, weil ich Gestern Abend noch eine Anzeige aufgegeben habe.

Aus dem Grund auch mein Rat, seid vorsichtig gerade auf den Sozialen Netzwerken tummeln sich etliche Menschen die es nicht gut mit euch meinen...

Und aus dem Grund mein heutiges Thema, wie kann ich unangenehme Gedanken, Erinnerungen, Gefühle verarbeiten und wieder loslassen, so dass sie mich nicht weiter belasten.

Es gibt den drei Stufen Plan den ich euch gerne vorstellen möchte, bei diesem Plan geht es um Akzeptanz. Darum all die Gefühle, Gedanken, Erinnerungen zu akzeptieren, man schaut sie sich näher an, um sie dann wieder gehen zu lassen.

Stellt euch hintereinander drei Fragen und schaut was passiert.

Die erste Frage der man sich stellen muss, ist die Frage nach der Annahme des Gefühls:

  • Kann ich das Gefühl annehmen?

Dabei spielt es keine Rolle, ob man diese Frage mit Ja oder Nein beantwortet, sondern vielmehr ist es wichtig, sich bewusst zu machen, das man dieses Gefühl hat. Das Gefühl wird somit in die Gegenwart geholt, man schaut es sich noch einmal genauer an. Wie fühlt sich das Gefühl an, tut es weh, oder ist es neutral. Je näher man sich damit beschäftigt, desto Neutraler wird es. Und genau so soll es sein. Fühle die Emotion und versuch es nicht mit dem Kopf, der Ratio zu beantworten, sondern mit dem Bauch... fühl in dich hinein! Heiße das Gefühl in dir Willkommen.

Die nächste Frage:


  • Kann ich alles was mit diesem Gefühl verbunden ist annehmen?
Auch hier ist es erst einmal unwichtig ob du die Frage mit Ja oder Nein beantwortest, es geht darum dir bewusst zu machen, das dieses Gefühl nicht alleine steht, sondern umgeben wird mit Gedanken und Erinnerungen. Achte dabei auch auf die Impulse und inneren Zwänge, die dich dazu verleiten wollen, das Gefühl irgendwie „wegzudrücken“ oder „abzuändern“ oder „nicht da sein zu lassen“.
Etwas war der Auslöser und je mehr du dich mit der Annahme beschäftigst, desto näher rückt der Auslöser des Ganzen. Dir wird bewusst, das Gefühle eben nur Gefühle sind, sie sind veränderbar. Dadurch das du dich damit beschäftigst nimmst du ihnen ihre Macht.

  • Kann ich es loslassen?
Nun stellst du dich der obligatorischen Frage ob das Gefühl in dir noch gebraucht wird. 
Ist es noch genauso wichtig wie vorher?
Tut es noch genauso weh, oder hat sich durch die nähere Betrachtung etwas verändert?
Wenn du mit JA antwortest, stell dir die Frage wann du es loslassen kannst. Vielleicht musst du noch ein wenig damit "schwanger" gehen, vielleicht musst du auch noch mal zurück zur ersten Frage. Schau dir noch mal die Intensität deines Gefühles an. 
Du wirst merken, deine Gefühle verändern sich, der Schmerz lässt nach. Oft erlebt man sich selbst wie ein Beobachter. Wenn man sich so intensiv damit auseinandersetzt, was jetzt gerade an Gefühl da ist, stellt man oft verwundert fest, so viel ist gar nicht mehr da... es war und ist nur ein Gefühl, ein Gedanke oder eine Erinnerung und das Loslassen ist letztendlich ein bewusstes Erkennen von dem was wirklich JETZT da ist.

Du kannst diese Übung jederzeit wiederholen,  immer dann wenn du dich über etwas ärgerst, oder wenn etwas oder jemand dich verletzt. Schau dir deine Gefühle genauer an, arbeite mit ihnen, nimm sie an als das was sie sind.

Und dann lass sie los... denn wenn du sie gelebt hast, brauchst du sie nicht mehr...

Mir hilft diese Übung sehr, gerade jetzt... 

Ich wünsche euch alles Liebe...

Namasté 

eure Andarnil



Donnerstag, 29. Oktober 2015

Gedankengeschichten




Früher hab ich mir oft die Frage gestellt wie es ist so zu sein oder so, aber anders als ich bin.
Dann stellte ich mir die Frage: Wer bin ich überhaupt.
Mittlerweile ist aus dieser Frage ein Schulterzucken geworden. Die einzige die mich fragte wer ich bin, war meine Frau. Das SEIN bezieht sich bei mir jetzt auf körperliche Symptome und Gedanken. Es ist nicht mehr das Gefühl in mir danach suchen zu müssen, wo ICH in all den Einzelteilen noch vorhanden bin. Da es das ICH nie gab.
Und doch habe ich die Gefühlserinnerung in mir.

Ich weiß noch wie ich vor vielen Jahren auf einer Schaukel saß und mit jedem in die Lüfte erheben fragte ich mich: "Wo bin ich wirklich, gibt es mich noch?"
Ich hörte in mich hinein, nach dem Echo - "Ich bin da" aber es kam nicht. Fragte ich nach Yen, oder Sweppy, Moon, Jo, Johanna oder Grid, kam fast immer eine Antwort: "Anwesend".

Als Multi ist man es gewöhnt das Erinnerungen und Gedanken mehr wiegen als die Gegenwart, die meiste Zeit ging es mir so, dass ich die Stille bevorzugt habe. Das allein sein wog mehr als das miteinander mit anderen. Allein sein, mit uns sein im Inneren.
Wenn man Viele ist, ist das Innere der Raum an dem man sich nieder lässt, abwechselnd einer im Außen und viele im Innen, während draußen die Welt passiert. Diese Gewohnheit ist nun weg.
Die Ruhe in der Ruhe JETZT, ist unglaublich.

Während der Jahre vorher, war es nie ruhig, jeder einzelne in mir hatte Gedanken und Gefühle und eigene Vorstellungen und Wünsche. Ein Gewirr aus unterschiedlichen Meinungen und Mustern. Im Außen wirkte ich oft verwirrt, weil ich nicht wusste, welchem Muster ich folgen sollte, manchmal wechselten sich meine Persönlichkeiten in Windesschnelle, da gab es eben noch Yen, selbstbewusst und frech, im nächsten Moment kam Jo, etwas schüchtern, naiv und sehr ehrlich, und dann kam Johanna, die Beschützerin, Johanna die alles erst ermöglicht hat - das ich nun kein Multi mehr bin.
Ging ich in die Küche, war da eine Stimme die sich hinlegen wollte, also ging ich wieder zurück. Doch die Stimme die Hunger hatte verlangte laut nach etwas zu essen. Manchmal war es so, das ich auf den Weg zur Küche wieder umdrehte, mich hinlegte, die Augen schloss und gleich darauf aufsprang, weil mein Magen knurrte und eine weinerliche Stimme sagte: "Moon hat Hunger!" Ein ewiges Hin und Her.

Ich stell mir in der Stille die Frage: "Vermisse ich sie?"
Und die Antwort ist sehr klar: Nein!

Und ich wundere mich - Wundere mich über die Klarheit, des Neins.
Es gibt Momente da wundere ich mich darüber das niemand ein Veto spricht, niemand in mir Traurig oder Wütend ist, weil er drinnen ist und das Unbekannte NICHT-Ich draußen.

Es ist alles noch sehr neu. Und doch gibt es etwas, das mich mit dem was früher war verbindet. Das Anderssein. Eine Anomalie einer nicht existierenden Wirklichkeit.
Denn ich habe die Gedanken Erinnerung von vielen in mir, die in Wahrheit nie existiert haben.
Dieses Paradoxum wird mich wohl noch eine Weile begleiten.

Ich werde jetzt gleich meditieren... und die unendliche Ruhe in mir genießen.

Ong Na mo guru dev namo 

Eines meiner Lieblingsmantras:
„Ich verbinde mich mit der kosmischen Energie und dem erhabenen Weg, der mich vom Dunkel zum Licht führt.“

Namasté

Eure Andarnil




Montag, 21. September 2015

Zu: Stell dir vor...

... es ist Krieg ... 

Mein vorheriges Bild ist sozusagen die Vorbereitung zu diesen Blogeintrag.

Stellt dir vor es ist Krieg...

Ein Krieg kann unterschiedlich aussehen, es kann ein Krieg mit Waffen sein, der den Konflikt unterschiedlicher Länder zeigt und in die Geschichte der Länder eingeht. Sowohl karmisch als auch Psychologisch hinterlässt ein solcher Krieg großes Leid.
Ein Krieg kann auch ganz persönlich sein, ein Krieg der mit Missbrauch, Vergewaltigung und Folter anfängt und vielleicht nie endet.
Ein Krieg der sich in der Seele eines Menschen verhakt wie ein Beil.

Jeder Krieg ist schmerzvoll, leidvoll und bringt neue Qualen mit sich. Die Opfer sind zahlreich auf beiden Seiten. Am Ende eines Krieges gibt es keine Täter mehr nur noch Trümmer, Verzweiflung, Angst, Hass, Blut und Tod.


Mein obiges Bild mag verstörend sein, es ist ein kleines Mädchen mit einem Band um die Augen, stoppt Folter. Es hätte auch ein anderes Band mit einer anderen Aufschrift sein können: Stoppt Krieg! Stoppt Gewalt!

Dieses kleine Mädchen bin ich im Alter von vier Jahren. Einen Tag bevor das Bild (ohne Band) aufgenommen wurde, war meine Welt noch in Ordnung.
Ich hatte Menschen um mich herum die ich Mama und Opa nannte, ich bekam genug zu Essen, einmal in der Woche wurde ich in eine große Zinkbadewanne gesteckt, die Mama dafür von Draußen herein holte, es war mollig warm in der Küche, dabei lief das Radio und meine Mama sang während sie mit mir im Wasser plantschte.
Ich weiß noch es gab Sonntags immer Sauergraut mit Szegediner Gulasch und Opa holte einen Streuselkuchen, den wir dann gemeinsam Nachmittags aßen, dazu gab es Muckefuck, eine Art Kaffee aus Pflanzenteilen, den ich mit viel Milch und Zucker trinken durfte.
Ich fing gerade an zu lesen, denn Opa las jeden Tag mit mir in der Zeitung. Und hin und wieder bauten wir Sachen auseinander und wieder zusammen. Ich lernte wie man einen Wecker auseinander baut und wieder zusammen. Ich liebte es die vielen kleinen Rädchen zu berühren. Es gab auch Dinge die ich nicht verstand, so durfte ich nicht nach Draußen, weil es "Draußen gefährlich" war. Ich durfte auch nicht mit dem Kindern spielen, die im gleichen Haus lebten wie wir: "Weil es gefährlich war". Ich bin also die ersten vier Jahre meines Leben sehr isoliert aufgewachsen, nur mit diesen zwei Menschen die für mich die Welt bedeuteten. Ich verließ nicht die kleine Wohnung in der wir lebten und meine Notdurft verrichtete ich in einem Eimer der von Mama jeden Tag ausgeleert wurde.

Mein persönlicher Krieg fängt ganz anders an als andere Kriege und doch ähneln sie sich sehr. Es war wie eine Bombe die eines Abends in unserer Küche einschlug. Wenn ich zurück blicke, dann gab es eine Art Vorbereitung. Mama hatte alle Türen verriegelt und vor die Küchentür unseren Esstisch geschoben, Opa war morgens schon mit dem Motorrad weggefahren, beide hatten sich gestritten und im ganzen Haus war es laut. Wenn es laut wurde, hielt mir meine Mama die Ohren zu, sie stellte das Radio auf volle Lautstärke um das Gebrüll von Draußen zu übertönen, manchmal sang sie auch ganz schief und je lauter es von Draußen brüllte, desto lauter sang meine Mama.
An diesem Abend kam das Gebrüll in unsere Wohnung.

Ich weiß noch welche Angst ich den ganzen Tag über hatte. Mama hatte ihre Arme um mich geschlungen und wiegte mich hin und her, dabei weinte sie die komplette Zeit über. Es wurde Abend als irgendjemand von Draußen gegen die Küchentür schlug und laut brüllte man solle die Tür aufmachen. Der Tisch vor der Tür vibrierte und Mama hielt mich fest an sich gedrückt. Dann wurde es im Nebenzimmer laut und meine Mama lies mich los und rannte durch die kleine Wohnung um die zweite Tür im Nebenzimmer zu verbarrikadieren. Sie schaffte es nicht. Ich hörte wie die Tür eingetreten wurde und dann sah ich Männer in Uniformen die in unser kleines Zimmer kamen, es waren viele Männer und sie hatten Pistolen die sie auf Mama richteten. Ich schrie und dann warf sich Mama auf mich und die Männer warfen sich auf Mama. Ich weiß noch das ich das Gefühl hatte erdrückt zu werden, ich bekam keine Luft aber ich schrie mir die Seele aus dem Leib.

Die Männer in Uniform hielten Mama fest, einer bedrohte sie mit einer Waffe und dann wurde ich einer mir völlig fremden Milchkaffeefarbenen Frau übergeben und Mama wurde weggebracht. Ich weiß noch wie ich meine Hände nach ihr ausstreckte und nach ihr brüllte, um mich schlug und tritt und ich weiß noch wie Mama ihre Hände nach mir ausstreckte, Hände die sich nie wieder so berührten sollten wie davor. Ab da veränderte sich alles in meinem Leben, meine Mama und mein Opa kamen eine kurze Zeit ins Gefängnis und ich kam zu einer anderen Familie. Zu einer Frau die behauptete meine richtige Mutter zu sein und einem Mann der sagte er sei mein richtiger Vater. Da waren Kinder die sagten sie seien meine Geschwister ...

Das war der Anfang meines ganz persönlichen Krieges der 16 Jahre meines Lebens andauerte. Ich habe all das erlebt was Kinder und Frauen in anderen Kriegen auch erleben. Vergewaltigung, Missbrauch, Gewalt und Folter, Angst und Tod. Und es gibt Momente in meinem Leben, wie jetzt zum Beispiel, da sind diese Bilder sehr real.  Ich bin dem Grauen in diesen 16 Jahren mehrmals begegnet in unterschiedlichen Formen. Ein Kind wurde abgetrieben und ich war dabei, ein Mädchen wurde getötet, Kinder weinten und schrien, Blut floss... dann sollte ich sterben.
Wenn ich über den Tod nachdenke sehe ich Hände die meine Kehle zudrücken, bis ich sterbe. Ich erinnere mich an meinen Tod. Ich sehe mich von oben, sehe die Gestalt die über mir liegt und mich würgt. Dann wird es dunkel, ich sehe einen Tunnel, dann ein gleisendes pulsierendes helles Licht, es wird warm um mich herum und der Schmerz hört auf.
In meiner Erinnerung bin ich 9 Jahre alt als ich sterben sollte. Wieder verändert sich die Welt.

Vor dem Tod habe ich keine Angst. Nach dem Licht habe ich mein ganzes Leben gesucht und ich suche immer noch und ich weiß heute, wenn ich sterbe, wird es nicht schlimmer sein, als damals als die Hände mir die Kehle zudrückten.

Warum erzähle ich euch von diesem Grauen?

Ich erzähle euch davon, weil die Menschheit sich gerade spaltet, statt Mitgefühl mit dem Opfern eines Krieges zu haben, werden sie verurteilt. Statt sie aufzunehmen, werden die Grenzzäune noch höher gebaut.

Bei mit war das genauso. Es gab Momente da war ich auf der Flucht. Ich rannte mit dem am Leib was ich gerade anhatte, manchmal war es nur ein dünnes Hemdchen. Ich rannte um mein Leben. Ich rannte blutend und Barfuß durch den Schnee in den Wald um mich zu verstecken.  Ich rannte zu den Nachbarn und hämmerte gegen ihre Türen. Manchmal war es eine Gardine die sich bewegte, aber die Türen blieben die meiste Zeit verschlossen.
Man wollte sich nicht einmischen, man hatte Angst. Angst vor dem was im Haus am Wald geschah.
Es hat viele Jahrzehnte gedauert bis ich diese Angst in den Augen der Nachbarn verstehen konnte.

Es wird viel gemutmaßt warum Flüchtlinge flüchten. Oft wird angenommen sie seien Wirtschaftsflüchtlinge die sich hier in Deutschland wie in anderen reichen Ländern niederlassen und sich bereichern wollen.
Die Gedanken sind vielfältig, aber alle entspringen einer Illusion. Denn gerade die Leute die sich am meisten darüber aufregen, über die Flut der Menschen die versuchen über die Grenzen zu kommen, haben keine Ahnung von Krieg.
Sie wissen nicht was diese Leute bewegt. Sie wissen nichts von dem Grauen, dass sie erlebt haben.

In den letzten Monaten wurde ich oft über Facebook angegriffen, weil ich so wenig Position bezog, keine Solidarität zeigte für Linksradikale Aktionen.
Ich habe oft versucht es damit zu erklären, dass ich die Gewalt auf beiden Seiten sehe und ich Gewalt ablehne.
Jemand der einen Krieg erlebt hat, denkt nur noch an eines. Wenn es Krieg gibt - musst du Überleben!

Als es in Facebook anfing -  die Menschen Positionen bezogen und statt mit Waffen mit Worten schoßen.
Ab da hielt ich mich im Hintergrund. Ich wurde nach und nach zurückhaltender mit persönlichen Artikeln und jetzt poste ich wenn überhaupt nur noch Buddhistische Inhalte oder Verlinkungen zu anderen Artikeln mit klaren Aussagen zu unterschiedlichen Themen. Wenn mich Nachbarn zu dieser Thematik ansprechen, nicke ich und schweige. Mit mir über diese Themen zu diskutieren wird schnell langweilig. Ich meditiere sehr viel und ich arbeite fast Rund um die Uhr an unterschiedlichen buddhistischen Inhalten.
Ich bereite mich auf meine Art vor. Es gibt Momente da mag ich Flüchten oder mir selbst die Ohren zuhalten vor dem lauten Gebrüll der Pegida Menschen.
Aber ich halte mir nicht die Ohren zu, ich beobachte leise mit Herzklopfen. Ich schätze ab und ich versuche aus dieser Position heraus neutral zu bleiben, damit ich neutral helfen kann, wenn die Fahnen gegen richtige Waffen ausgetauscht werden. Ein Krieg kann so unterschiedlich sein. Wir stehen kurz davor. Das ist die Realität.

Ich bin kein aufbrüllender Möchtegern Soldat. Ich gehöre zu einer kleinen Gruppe von Pazifisten die versuchen sich im Hintergrund zu halten, um die verletzten Menschen zu verpflegen, wenn es soweit ist.  Es gibt jetzt schon Opfer die sich mir anvertrauen und die ich berate und tröste. Das ist meine Aufgabe in diesen Anfangszeiten eines großen Krieges.
Als Kind hätte ich mir einen Pazifisten gewünscht, der mich getröstet, mich umarmte, der mir etwas zu essen gab, als ich vor Hunger zusammenbrach. Der meine blutenden Wunden versorgte und meine Seele beruhigte: Alles wird gut!

Mein Krieg hat tiefe Narben hinterlassen, Wunden die vielleicht nie wieder vollständig abheilen werden. Auch nach 34 Jahren die vergangen sind, sind die Bilder aus meiner Erinnerung noch sehr real. Es gibt Momente da hoffe ich sehr, dass ich nicht Dement werde und wieder eintauche in die Zeit vor meinem 16 Lebensjahr. Wieder das Kind bin, dass sich das eigene Blut vom Körper schrubbt um wieder rein zu sein, mit dem Wissen das es nie wieder rein sein wird.

Ich will keinen Krieg, für nichts auf der Welt. Ich weiß, dass ich zu den Menschen gehören werde, die sich überlegen werden sich selbst zu töten, wenn es so weit ist. Einmal Krieg erleben reicht voll und ganz um zu begreifen, das Gewalt keinen Frieden bringen kann.

Das es nur möglich ist Flüchtlinge aufzuhalten, die um ihr Leben rennen, indem man sie tötet. Unsere Grenzen werden nie hoch genug sein, unsere Mauern nie stark genug sein.  Wenn ein Mensch um sein Leben rennt dann ist er bereit zu fliegen über alle Hürden hinweg.
Krieg ist wie ein Kannibale der sich selbst auffrisst. 

Ich kann euch keinen Tipp geben, wie ihr vorgehen sollt. Ich kann nicht sagen: Reißt die Mauern nieder, öffnet die Grenzen um den Kriegsleidenden hier ein Leben zu ermöglichen. Was immer ihr macht, ich habe darauf keinen Einfluss und ich will keinen Einfluss darauf haben.

Ich kann nur eines sagen: Habt Mitgefühl für alle Beteiligten.
Mitgefühl für die Unwissenden mit ihren Fahnen und ihrem Hassgebrüll und Mitgefühl für die Flüchtenden mit ihren Narben und Wunden. Habt Mitgefühl für die Opfer und Täter auf allen Seiten. Denn am Ende spielt es keine Rolle mehr wer was gebrüllt hat oder wer auf welcher Seite gekämpft hat. Am Ende zählen nur die Toten und die Überlebenden.

Hier endet nun mein Artikel.
Wenn man mich früher fragte ob ich mich als Opfer sehe, sagte ich "NEIN, ich sehe mich als Überlebende".

Überleben bedeutet man hat den Tod besiegt.
In Wahrheit lässt sich der Tod nicht besiegen, er ist Teil vom Leben.
Wenn man mich heute Fragt so zucke ich die Schulter und schweige. Denn eigentlich gibt es nur einen Satz für das was ich erlebt und überlebt habe: Ich lebe! Nur das zählt.

Es sind nicht meine Tränen und der Schmerz meiner Erinnerungen, die meine Kindheit in die Gegenwart transportieren. Es ist Mitgefühl, Metta, Ahimsa.

Es sind die Menschen denen ich begegne, die Momente in denen sich unsere Blicke kreuzen, das Erkennen auf beiden Seiten. Es sind die Schwestern und Brüder (die die Kriege dieser Erde überlebt haben), deren Seelen sich mit meiner Seele verbinden. Dabei spielt es keine Rolle welche Nationalität, Sprache oder Hautfarbe sie haben. Wenn wir uns alle an den Händen fassen umringen wir hunderte um hunderte male die Welt.

Das sind die Menschen die mich an meine Vergangenheit erinnern und ihnen sind meine Worte gewidmet mit denen ich hier Enden werde:

"Ihr seid nicht alleine!"


In diesem Sinne

Namasté
Eure Andarnil






Stell dir vor...


Link zum Urheber des Bildes: Facebook Foto
(c) Falk Bräcklein

Samstag, 1. August 2015

Tagebuch: Mein buddhistischer Weg - Vogelfrei!




Ich habe mich bisher mit keiner Schule verbunden geführt und ich weiß nicht ob ich mich je mit einer Schule verbinde - was (so mir bewusst ist) viel mit meiner Geschichte zu tun hat. Ich lehne jeglichen Zwang ab, ich kann mich mit nichts verbinden, das andere Schulen z.B. heruntersetzt oder ablehnt, oder sich als Besser bezeichnet.

Ich habe mich sehr früh für Religionen interessiert, bereits als 12 Jährige hatte ich alle großen Religionen durchforst, allerdings nur die Abendländischen Religionen, inklusive des Hindusimus. Und trotzdem war keine darunter, die mein Herz erreichte. Die konservativen Ansichten haben mich abgeschreckt, die Geschichte zu den Anfängen der Religionen erst recht. Was ich suchte war der Frieden. Ich suchte eine Religion die wirklich friedvoll war, ohne Mord und Totschlag und ohne Absolutionsgedanken. Später wurde mir bewusst, dass ich nicht nur den Frieden, sondern auch die Freiheit suchte. Ich denke als Mensch der sehr viel persönlichen Krieg erlebt hat, haben mich gerade diese zwei Richtungen angezogen: Freiheit und Frieden. Die Freiheit zu wählen, zu kritisieren, sich seine eigene Meinung bilden und den eigenen Weg zu finden. Ohne Zwang. Den Frieden im Praktizieren, im Erkennen von Zusammenhängen.

Das hat mich fasziniert. Ich war mitte Zwanzig als ich das erste Mal vom Buddhismus hörte. Ich hatte eine Freundin, die sehr spirituell war und eine ihrer besten Freundinnen war Buddhistin. Dadurch erlangte ich einen ersten Einblick in den Buddhismus - ihre Praxis (Tibetischer Buddhismus) gefiel mir nicht sonderlich, aber das was sie zum Thema Buddhismus zu erzählen hatte faszinierte mich.
Ich fing an Bücher zum Thema zu lesen, besuchte Zentren, unterhielt mich mit Mönchen und fand alles sehr nah und doch distanziert. So richtig Kontakt bekam ich zu den Leuten nicht. Was sicherlich auch an mir lag. Ich bin zu indiskret, zu direkt und zu ehrlich in meinen Fragen. Ich habe kein Benehmen (das weiß ich, möchte es aber auch nicht ändern. Ich fühle mich in mir sehr autharg mit meiner kompromisslosen Ehrlichkeit), ich wusste nicht wie man sich mit Mönchen unterhielt und ich habe mit Sicherheit etliche Etiketten ignoriert.

Dann kam ich ins Forum Buddhaland, als Neuling war das mein erster direkter Weg mit nicht Ordinierten und ich war entsetzt. Bis dahin dachte ich noch alle Buddhisten sind friedvoll. Im Buddhaland wurde mir Bewusst, das ein Mensch immer die Entscheidung hat, ob er friedvoll sein möchte oder nicht, egal ob er sich Christ oder Buddhist nennt. Friedvoll ist eine Entscheidung die wir in uns tragen, ein Ja oder ein Nein.


Im Buddhaland wurde ich oft angegriffen, die Leute fanden ich stellte zu viele Fragen und gab mich nicht mit Zitaten aus dem Palikanon zufrieden, ich wollte IHRE Meinung zum Thema hören, ich wollte in die Tiefe eintauchen und wurde regelmässig an die Oberfläche katapultiert. Ich verließ das Buddhaland, doch ein Moderator hatte wohl anfangs großes Mitgefühl, er schrieb mich über EMail an und daraus entstand eine wundervolle Freundschaft.

2009 entschied ich mich dann die Zuflucht zu nehmen. Das war eine wirklich wichtige und große Entscheidung. Die für mich nachhaltige Wirkung hat. Ich begriff das ich schon immer Buddhistin bin, das was ich mittlerweile gelernt habe, was einen Buddhistischen Namen trägt, ist bereits seit ewigen Zeiten Bestandteil meines Lebens. Bereits als Kind habe ich meditiert, ohne zu wissen was Meditation bedeutet. Es ist nicht schwer für mich, den Geist zu leeren, was sicherlich an dieser Jahrelangen Technik liegt. Als Kind war es Lebenswichtig für mich mich innerlich Ruhig zu halten. Meine Panik und Angst zu beruhigen, ich musste erkennen können, wenn Gefahr droht, daher war Achtsamkeit gepaart mit Aufmerksamkeit für mich Notwendig. Ich hatte oft Phasen da dauerte die Meditation mehrere Stunden, trotz Lautstärke konnte ich meinen Geist auf mich selbst konzentrieren, auf meinem Atem, meinen Herzschlag. Für meine Aussenwelt war ich in dieser Zeit nicht erreichbar, ich war wie eine Autistin deren Welt im Inneren stattfand. Heute denke ich, das diese Art des Abschaltens mich vor weiteren Unheil geschützt hat. Wenn ich dann wieder aus meiner Meditation auftauchte war ich ruhig und besonnen, ich konnte viel besser mit dem im Außen umgehen.
Logische Schlussfolgerungen fielen mir leichter nach einer Meditation. Ich kam besser mit der Gewalt klar, die mir täglich begegnete. Ich hatte manchmal so heftiges Herzklopfen das ich dachte mein Herz bleibt gleich stehen, immer dann sagte ich mir: "Ruhig Atmen!", ich schloss dann die Augen und konzentrierte mich aufs Atmen, dann auf mein Herz, dessen Takt sich beruhigte und wenn ich dann die Augen öffnete sah die Umgebung anders aus, klarer, ich konnte die Situation anders beurteilen, anders reagieren.

Meine ersten Erfahrungen mit dem Buddhismus  - von dem ich nicht wusste, das es der Buddhismus ist - geschahen im Leid. Und als ich viele Jahrzehnte später las, das Leid allgegenwärtig ist, verstand ich um so besser das Leben.
Durch die für mich damals namenlose Religion fing ich an Leben zu wollen. Schon als Kind begriff das es das das einzige ist, worum man wirklich kämpfen muss. Um das Überleben. Alles andere ist unwichtig. Geld, Ansehen, Macht all das ist unwichtig. Wichtig ist nur das Leben selbst. Durch meine Kindheit war der Tod tagtäglicher Begleiter. Ich sah wie Tiere und Menschen starben. Ich selbst sollte Sterben. Der Tod war nichts ungewöhnliches. Er kam und ging. Als Kind dachte ich, der Tod ist eine Art Erlösung und trotzdem kämpfte ich um mein Leben, als man mich töten wollte. Während ich starb lies ich vom Leben los, dieser eine Moment wo auf einmal alles leer ist, dieser Moment ist vielleicht vergleichbar mit der Erleuchtung. Ich habe tatsächlich eine Art Tunnel gesehen und ein Licht und dann nichts mehr. Ich kann euch nicht sagen, wie lange ich tot war. Vielleicht waren es nur Sekunden, bis ich wieder lebendig wurde. Aber dieses Erlebnis hat mich nachhaltig geschützt. Egal was mir danach noch passiert ist, ich kam immer mit dem Leben davon. - Weil ich im Grunde meines Herzens Überleben wollte.

Als ich sterben sollte war ich neun Jahre alt, zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon alles an Gewalt hinter mir, das ein Mensch verkraften kann. Ich wurde vergewaltigt und verkauft, körperlich und psychisch misshandelt, ich litt unter Hunger, Lieblosigkeit, Einsamkeit und Isolation.
Ich sollte sterben, weil meine Mutter es meinem Vater befohl: "Ich will das dieses Balg stirbt!" sagte sie und mein Vater wütend und alkoholisiert drückte mir die Kehle zu, während meine Mutter schwankend neben ihm stand. Meine Geschwister hatten sich ängstlich zu einer Kugel umarmt, sie weinten als mein Vater zudrückte. Es ist unglaublich schmerzhaft nicht mehr atmen zu können, der Körper schreit danach zu atmen, er wehrt sich. Im letzten Moment verändert sich die Welt um einem herum, sie verschwimmt zu einer Wabernden Masse, dann verschwindet alles. Der Blick wird zu einen Tunnelblick und dann sah ich dieses helle Licht das auf mich zukam.
Und dann war nichts mehr.

Es fehlen mir ab da Wochen oder gar Monate. Ich habe keine Ahnung was passiert ist. Ich weiß nur von einer Nachbarin die aus ihrem Fenster sah, womöglich weil sie wieder einmal aus unserem Haus kommendes Gebrüll gehört hatte. Sie sah wie mein Vater meinen leblosen Körper aus dem Fenster warf. Danach rief sie die Polizei an und einen Krankenwagen. Meine Nachbarin war über 80 als sie mir von diesem Tag erzählte, an dem sie Jahre später annahm ich sei wirklich gestorben. Es war für sie der schrecklichste Tag ihres Lebens, sie hatte große Angst, um mich wie um sich selbst. Ein direktes Eingreifen war für sie nicht möglich. Aber sie rettete mir das Leben und dafür werde ich ihr immer dankbar sein.

Meine Erinnerung setzt erst wieder im Auto einer Sozialarbeiterin ein, die mich und meine Schwester zu unseren Pflegeeltern fuhr. Was davor passiert ist, das weiß ich leider nicht mehr und leider erhielt ich keinen Einblick in meine Akte, aus Datenschutzgründen. Mein Fall ist vor vielen Jahrzehnten bereits verjährt, ich habe keine Ahnung wo die fehlenden Monate hin sind, die seit meinem Tod vergangen sind....

Der Buddhismus hat mir geholfen, dieses Erlebnis wie viele andere Erlebnisse davor und danach zu verarbeiten und vor allem zu erklären.
Es gab eine Zeit da existierte meine Kindheit und Jugend nur anhand von fehlenden Puzzlesteinen. Es war so ein Durcheinander in meinem Kopf, das Erlebte ergab oft keinen Sinn, weil mir ein Großteil einfach fehlte. Zeiten waren teilweise verschwunden. Ich konnte das Durcheinander nicht zu ordnen, was dann in der weiterführenden Schule zu einem richtig großen Problem wurde, denn ich konnte dadurch keinen Lebenslauf schreiben. Als es darum ging, hatte ich meinen ersten Zusammenbruch. Ich saß vor dem Lebenslauf und alles drehte sich in meinem Kopf zu einem einzigen Wort: NICHTS.

Da gab es nichts was ich hätte hin schreiben können, weil es in meinem Kopf nichts gab, was die Fehlenden Zeiten erklären könnte. Ein großes NICHTS.
Nach diesem Nervenzusammenbruch wurde mir bewusst, dass ich noch mal zurück zu meiner Kindheit musste, ich musste herausfinden, wo die fehlenden Zeiten sind. Ich musste herausfinden, was wirklich passiert ist.
Damals war ich noch keine Buddhistin, aber ich handelte wie eine Buddhistin.

Finde zu dir selbst - das ist der erste Weg zum Buddhismus. Im Buddhismus geht es darum sich selbst kennen zu lernen. Seine Schwächen wie Stärken zu erkennen. Im Buddhismus lernt man sich ungeschminkt zu betrachten. Ehrlich mit sich selbst umzugehen und eine Entscheidung zu treffen, die für einen selbst wie für alle Mitlebewesen friedvoll ist.
Sich selbst kennen zu lernen, ist daher Notwendig für alle weitere Weg innerhalb des Buddhismus. Denn nur so versteht man was Mitgefühl wirklich bedeutet.

Ich ging noch einmal zurück zu den Anfängen und dann weit zurück zu meinen Wurzeln. Ich erkannte Strukturen in meiner Familienchronik die sich immer wieder erneut bildeten, eine Wiederholung von Leid und ich begriff, das es wichtig ist die Wiederholung zu beenden um erneutes Leid zu verhindern. Eine Wiederholung war das Kinder missbraucht und misshandelt wurden. Sowohl meine Großmutter, die Mutter meiner Großmutter, als auch mein Vater, als auch der Vater meines Vaters, als auch meine Mutter, die Mutter meiner Mutter - wurden als Kinder schwerst misshandelt und missbraucht.

Diese Struktur zog sich durch die Geschichte meiner Familie wie ein roter Faden. Und noch immer zieht sie sich durch das Leben meiner Geschwister wie das deren Kinder.
Ich begriff das es Lebensnotwendig ist diesen Faden zu durchschneiden und auch wenn ich am Leben der restlichen Verwandschaft nichts ändern konnte, mein eigenes Leben und das meiner Familie musste befreit werden - Fadenlos - das war mein erstes Verstehen.
Ich begriff karmische Zusammenhänge anhand meines Lebens und das meiner Ursprungsfamilie.
Ich begriff das es notwenig ist, einen Faden durchzuschneiden und damit einen bestehenden Zustand zu verändern.
Ich begriff dadurch das bedingte Entstehen. Mir wurde bewusst, das ich die Chance habe mein Leben neu zu beginnen, wenn ich mich aus der bestehenden Abhängigkeit und des bestehenden Leids meiner Geschichte befreie. Als ich begriff wie verzweigt Leid in meiner Ursprungsfamilie ist, meldete sich Mitgefühl. Es war unglaublich schmerzhaft und Heilsam, weil mir bewusst wurde, wie stark verwurzelt das Thema Leid in meiner Familie vorhanden ist.

Doch manchmal geht es mir so, dass sich in mir ein großes Fragezeichen aufbaut, die Frage nach dem Warum (mir all das passiert ist) wird wohl immer in mir vorhanden sein. Gleichzeitig formt sich die Frage: Warum nur ich es geschafft habe...
Mir ist im Laufe der Zeit bewusst geworden, das es mein (Er)Leben ist und das ich nicht nicht davon ausgehen kann, das meine Ursprungsfamilie die gleichen Voraussetzungen haben wie ich, noch kann ich davon ausgehen, das sie das gleiche Empfinden haben. Ihr (Er)Leben ist ein anderes, genauso wichtiges und notwendig wie meines.

Als junge Frau hab ich mich oft über meine Familie gestellt. Ich habe die Schule beendet und studiert. Meine Intelligenz war immer wie ein erhobener Mittelfinger, ein Trotzzeichen für die Schicht aus der ich komme.  Mein Leidspruch: "Egal woher du kommst du kannst dich davon befreien!" war gleichzeitig ein Kriegschrei an die Jenigen die zurück blieben.

Vor einigen Jahren wurde mir bewusst, das es niemanden dient hinab zu blicken oder hinauf zu blicken. Wir werden alle nackt geboren, dass ist das was wir wirklich haben. Egal ob wir eines Tages reich oder arm sind, ob wir intelligent oder einfach gestrickt sind, wir sind nur nackt. Und niemand sieht uns an, wer wir wirklich sind, nackt sehen wir alle gleich aus.

Mittlerweile muss ich niemanden mehr sagen, wie intelligent ich bin, um meine Geschichte zu überdecken mit einem neuen Gewandt von Eitelkeiten. Heute fühl ich mich nackt und alles was ich tue, tue ich, weil ich es tun will, nicht weil ich es muss.
Ich schäme mich nicht mehr für meine Vergangenheit und ich fühle mich auch nicht mehr Schuldig daran, das ich als Einzige meiner Familie daraus hinaus gewachsen bin - weil ich es nicht bin. Vor ein paar Wochen sprach ich mit meiner kleinen Nichte, die zum zweiten Mal Mama geworden ist. Ich verfolge seit Jahren schon ihren Weg und ich sehe wie toll sie ihr Leben meistert. Ihre Kinder sind wundervoll und es spricht so viel Lieben aus ihren Worten. Das macht mir Mut das eine neue Generation aus meiner Familie entstanden ist. Vielleicht ist mit ihr und ihren Kindern der Faden endgültig verschwunden. Das macht mich sehr Glücklich und ich begreife, ich muss nichts mehr tun. Ich kann mich nun endgültig auf meine Familie konzentrieren.

Meine Vergangenheit ist Vergangen, was immer passiert ist, es ist nicht mehr wichtig.

Und doch muss ich darüber immer noch schreiben. Es gibt Nächte die mich wieder zurück bringen in eine Zeit in der ich selbst noch Kind war. In diesen Träumen wiederholen sich die Angriffe und Misshandlungen, der Schmerz und die Begegnungen mit dem Tod. Und wenn ich aufwache, erlebe ich die gleichen Symptome wie früher, Herzrasen, umglaubliche Angst, ein Gefühl Flüchten zu müssen, sterben zu müssen. Dann greife ich nach dem Lichtschalter und wiche mir die Tränen weg und dann fühle ich die Hand meiner Frau die meine Schulter berührt, sachte und voller Liebe. Und mein Atem wird ruhiger. Dieses: "Alles ist gut!" meiner Realität lässt den Traum schnell in den Hintergrund treten.

Am Tag darauf fange ich an zu schreiben, ich schreibe mir den Traum aus der Seele.
Es ist meine Art meine Vergangenheit immer wieder aufs neue zu verarbeiten, mir bewusst zu machen, das es wirklich vorbei ist. Die bösen Geister von Damals sind schon lange nicht mehr da und nur die leisen Echos sind noch fühlbar. Es ist notwendig sich bewusst zu machen woher man kommt und wer man ist. Es gehört zu mir und meinem Leben und dieses Echo hilft mir es besser zu verstehen und es besser zu machen. Jeden Tag aufs neue, bewusst zu sein, was mir als Mensch geschenkt wurde. Aus der Kraft des Überlebens ist Leben geworden. 

Der Buddhismus hilft mir dieses Leben - mein Leben zu schützen.

Ich bin unglaublich dankbar Buddhistin zu sein.
Und ich bin dankbar für meine wundervolle Familie.
Meine Geburtslinie werde ich in diesem Leben nicht weiterführen, auch dafür bin ich unendlich dankbar.

Meine Tochter ist frei davon!!!

Namasté

Eure Jo


Bild: (c) Jo Schlitzkus: Vogelfrei, Kopieren und Vervielfältigen nicht erlaubt!

Sonntag, 19. Juli 2015

Wieder ein Leben das von uns gehen wird...





Ich habe so viele Leben gehen sehen, ich habe so viel Zeit mit dem Tod verbracht. All diese Leben sind wie Zeichen gebrannt in meiner Seele.
Ein Jahr mal ohne den Tod der an meiner Tür klopft, den ich bereits wie einen guten Freund hinein lasse, der sich zu mir setzt und mit mir einen heißen süssen Tee trinkt und wenn er geht, sind es wieder weniger geworden die an meiner Seite gehen und die ich versorge, hege, liebe. Es ist ein ewiges Abschiednehmen.

Heute wird unsere Puschel für immer gehen, die letzten Stunden werde ich damit verbringen ihr Wasser einzuflößen. Ich fühle mich wie eine Henkerin die die letzte Mahlzeit verteilt. Puschel verkriecht sich, sie ist so müde und will nur noch schlafen.

Nein ich gehöre nicht zu den Menschen die ein Lebewesen vom Tod abhalten, ich gehöre nicht zu denen die alles versuchen um sie am Leben zu halten. Wenn ein Mensch gehen will, halte ich bis zuletzt seine Hand, wenn er es möchte. Ich schotte ihn ab von Leuten die ihn am Leben halten wollen und ich würde ihm sogar helfen, zu gehen, wenn ich es dürfte. Auf die Art und weise sind viele meiner Freunde gegangen.
Wenn ein Tier gehen will, begleite ich es bis zu dem Moment an dem es seine Ruhe haben will, wenn es sich verkriecht in dunkle Ecken um für immer zu schlafen, dann helfe ich ihm die letzte Reise anzutreten.

Wir Menschen denken wir müssten alles kontrollieren, aber wir werden nie die Sieger über Leben und Tod sein, egal was wir tun. Wir halten nur das unausweichliche auf. Manchmal verlängern wir nur die Zeiten der Qual, den Schmerz. Manchmal gelingt es uns, das kleine Leben zu verlängern, manchmal um Stunden, um Tage und manchmal auch um Jahre. Aber für welchen Preis?

Nein ich gehöre nicht zu den Menschen die eingreifen wollen, wenn die Natur den Rythmus unterbricht. Ich trage in mir ein Band das mich mit all denen verbindet die zwischen Leben und Tod wandeln, denn ich war einmall zwischen den Zeiten, auch ich sollte einmal sterben und alles was mir geblieben ist, ist die Panik, die Angst, das Gefühl zu sterben und dann hab ich losgelassen, ich habe mich damit abgefunden zu gehen. Und als ich wieder erwachte war ich ein anderer Mensch. Ich erinnerte mich nicht an mein vorheriges Leben, es war als sei ich mit neun Jahren neu auf die Welt gekommen.

Alles woran ich mich erinnerte war ein gleißendes helles Licht, das mich wärmend umfing.

Ich glaube durch dieses Nahtoderlebnis ist das Band entstanden, dass immer dann sichtbar ist, wenn die Zeit für Lebewesen abgelaufen ist. Dieses Band verbindet mich für immer mit dem Tod wie mit dem Leben.

Und es verleiht mir die Kaft dem Tod zu begegnen ohne Angst.

Heute geht unsere Puschel.

Wenn ihr gläubig seid, dann denkt an sie, betet nicht für eine Gesundung, sondern betet dafür das ihr letzter Weg ein einfacher Weg sein wird. Betet dafür das sie wundervoll schläft und wundervolle Träume sie begleiten.

Möge sie in anderen Welten Glücklich sein, möge sie über Wiesen springen und Schmetterlingen hinterher jagen. Möge das Nirvana sie empfangen, zärtlich und sanft.

Namasté

Eure Jo




Montag, 29. Juni 2015

Zufluchtnahme



Kleiner Rückblick:

16 November 2009 (der Tag meiner Zufluchtnahme). Den Abend zuvor habe ich lange meditiert.

Morgens um 7 Uhr habe ich die Zufluchtformel gesprochen:

"Zusammen mit allen Lebewesen
nehme ich von heute an,
bis die Essenz der Erleuchtung erlangt ist,
Zuflucht zu Buddha als Lehrer,
Zuflucht zu seiner Lehre, die aus überliefertem und innerlich verwirklichtem Wissen besteht, und
Zuflucht zur Gemeinschaft der erhabenen Wesen".


"Buddhang saranang gacchāmi
Dhammang saranang gacchāmi
Sanghang saranang gacchāmi

Tutiyampi Buddhang saranang gacchāmi
Tutiyampi Dhammang saranang gacchāmi
Tutiyampi Sanghang saranang gacchāmi

Tatiyampi Buddhang saranang gacchāmi
Tatiyampi Dhammang saranang gacchāmi
Tatiyampi Sanghang saranang gacchāmi"

Dann habe ich das Bodhisattva Gelübte gesprochen. Mich dreimal verneigt und noch einmal meditiert.

Danach habe ich mich vorbereitet. Das war der Tag an dem ich mir den Kopf kahl geschoren habe. Morgens um 8 Uhr mit einem alten Rasierer meines Schwiegervaters. Als ich dann Haarlos vor meinen WG Mitbewohnern stand, war das natürlich erst einmal ein Schock für alle. Meine Frau wusste ja was ich vorhatte, aber auch sie war ein paar Minuten lang irritiert. Beim Frühstück haben wir lange über meine Entscheidung gesprochen und ich habe viel Verständnis erhalten. Einige Freunde waren die Tage darauf teils so geschockt, dass sie bei meinem Anblick anfingen zu weinen. Und Wochenlang hatte ich ein merkwürdiges Gefühl so ganz Haarlos nach Draußen zu gehen, ich fühlte mich angestarrt. Aber die Zeit verging und meine Glatze wurde zur Normalität. Das Bild ist übrigens kurz nach meiner ersten Rasur entstanden. Damals war meine Tochter 2 Jahre alt. An meine Haare kann sie sich nicht mehr erinnern. Sie liebt es über meinen frischrasierten Kopf zu streicheln und wenn die ersten zaghaften Haarstoppeln sprießen, dann lächelt sie und sagt: "Mami du kratzt, du musst dich wieder rasieren". Am Anfang rasierte ich mich jeden Tag. Im Laufe der letzten Jahre wurde der Abstand immer größer. Heute rasiere ich mich maximal zwei Mal die Woche.

Der 16 November ist auch heute noch ein besonderer Tag für mich.

Namasté eure Jo

Donnerstag, 4. Juni 2015

Ganz und gar Persönlich - die letzten 50 Jahre.





Aus meiner Erfahrung weiß ich das unheilsame Erlebnisse mit der Einsicht und mit der Klarheit einer Betrachtungsweise die alles beinhaltet, heilsam werden können.

Ich las vor kurzem einen Bericht eines Buddhisten, da ging es darum, das missbrauchte Menschen selbst zu Täter werden. Er schrieb es so, dass es auf alle missbrauchten Menschen zutrifft und es keine Alternativen gibt. Ich war entsetzt über diese Unterstellung. Ich weiß das es nicht so ist.
Heute sah ich einen Vortrag da ging es um Krankheiten und die Einstellung das z.B. Krebs gewollt ist und um ihn zu heilen, müsse man ihn akzeptieren. Dieser Vortrag war anfangs sogar sehr interessant und dann trifdete er ab ins Esoterische. Ich habe ihn nach 35 Minuten beendet. Und frage mich seit dem ob noch eine Entwicklung sichtbar gewesen wäre, hätte ich ihn weiter geschaut.


Heute geht es um ganz und gar Persönliches. Ich möchte die These aufstellen, dass es möglich ist, vergangenes Leid zu heilen und ich nehme mich selbst als bestes Beispiel.

Als Kind einer Prostituierten und eines Soziophaten habe ich schlimme Dinge während meiner ersten 17 Jahre erlebt. Die ersten Jahre während meiner Suche nach religiösen Inhalten, dachte ich, ich muss karmisch etwas ganz schlimmes getan haben, um in diesem Leben so viel Grauen zu erleben. Ich bin also davon ausgegangen, dass ich selbst Schuld an meinem Unglück bin.  Ich war davon überzeugt ein furchtbarer Täter gewesen zu sein. Diese Gedanken haben mich eine ganze Weile gesteuert und mich regelrecht mit Schuldgefühlen zerfressen und doch letztendlich auch dazu gebracht das Beste aus meinem Leben zu machen, wobei das Beste für mich, nicht unbedingt mit dem Besten allgemein zu vergleichen ist.

Mir ging es nie darum viel Geld zu verdienen und einen gewissen materiellen Standard zu erreichen, sondern vielmehr darum, so leben zu können, damit ich noch genug Zeit für wichtigere Dinge habe - wichtigere Dinge als Geldverdienen. Ich habe Zeit meines Lebens für mich die Entscheidung weiter verfolgt nur das zu tun (zu arbeiten) was mich wirklich befriedigt und mir Freunde bereitet. Da ich sehr schnell gelangweilt bin (vom Arbeitsmarkt und den "normalen" Berufen) habe ich dementsprechend sehr oft meine Arbeitsstelle gewechselt, unterschiedliche Studien angefangen und nicht beendet. Denn irgendwann kam der Moment an dem ich innerlich eine ganze Liste weiter war, als mein Lehrstoff und als ich anfing beim Lesen einzuschlafen, war das das Ende des Studiums. Ich habe somit zwar studiert, aber nie lange genug um einen Abschluss vorzuweisen (mit Ausnahmen, aber hier habe ich das Zertifikat entweder selbst zerstört oder nie in Empfang genommen). Ich hatte etliche Jobs in etlichen Firmen und auch einige Ausbildungen begonnen, ohne ein Zertifikat oder ein Zeugnis in den Händen halten zu wollen. Ein wichtiger Grund war die Ereignislosigkeit und die Langeweile, ein anderer war das ich nicht Teil einer Gesellschaft sein wollte, die darauf Wert legt. Es war mir nicht wichtig und das ist es immer noch nicht. Mein Ehrgeiz liegt ganz auf der Eigenentwicklung. Ich bin der Meinung wenn ein Mensch  die Zeit die er mit Ausbildungen, Studien und Zertifikaten verbringt, dafür nutzen würde sich selbst kennen zu lernen, würde sich einiges in dieser Welt verändern.

Mir war immer wichtig etwas Gutes zu hinterlassen, in Form von Mitgefühl für andere Lebewesen. Wenn ich zurückblicke ist mein Weg immer dadurch gezeichnet, dass ich aus dem was ich erlebt habe gelernt habe. Es war wie eine Lehre die nie endet. - Diese Lehre nannte sich ERLEBEN. Und man erlebt nur wenn man sich aus seiner Bequemzone heraus bewegt.

Ich weiß noch als ich ein Kind war, war es für mich total Surreal mir mich als 50 Jährige vorzustellen. Damals liefen viele der Frauen in dem Dorf in dem ich aufwuchs, Tagsüber mit Kittelschürze herum, sie hatten dicke Lockenwickler auf ihren Köpfen und verschmierten Lippenstift auf den Lippen. Sie zogen an ihren Zigaretten, während sie ihren Kaffee schlürften und dabei die Bildzeitung lasen. Nachts - oder in meinem Fall immer dann wenn die Freunde meines Vaters da waren - zogen sie ihre Kittelschürzen aus und dafür Strapse an, die Lockenwickler wurden abgerollt und der Lippenstift nachgezogen.  So waren sie Tagsüber oberflächliche Hausfrauen und Nachts (oder eben wenn gewollt) wechselten sie zur Hure. Die ersten 17 Jahre meines Lebens erlebte ich Frauen nur als Ware und als Opfer.

So wollte ich auf keinen Fall werden. Aber ich kannte auch keine Alternative. Also hörte ich irgendwann bei meiner Jahresaufzählung bei 40 auf und beschloss nicht älter zu werden. Als ich dann als Jugendliche die Blechtrommel im Kino sah, konnte ich Oskar Matzerath total gut verstehen.
Jahrelang habe ich damit gerechnet nicht älter als 40 zu werden, denn alles andere erschien mir zu unlogisch. Ich wollte auf keinen Fall irgendwann mit Kittelschürze und Lockenwickler im Haar auf meinem Balkon sitzen und kniend irgendwelche Männer mit dem Mund bedienen und ansonsten nur oberflächliches Zeug labern.

Das Alter ist so eine Sache wenn man innerlich vielgeteilt ist. Durch das Trauma meiner Kindheit bin ich innen mehrere Personen, die je nachdem wie es ihnen geht, auch nach Außen treten. Ich bin damit aufgewachsen viele zu sein (DISS oder Multiple Persönlichkeit). Das ist mein Leben und ich finde es weder krankhaft, verkrampft, noch geht es mir damit schlecht.
Es gibt jedoch ein paar Dinge die im Miteinander mit anderen Menschen (ver)störend wirken können. Das eine ist meine "Vergesslichkeit",  meine mit unter auftretende Kindlichkeit mit einer großen Spur Naivität, mein Instinkt und meine Intelligenz.

Als ich mich entschloss aus meinem pornografischen, grausamen  und debilen Zuhause abzuhauen war ich 16 und als ich beschloss die mir durch und seit Geburt vertraute unterste Unterschicht den Rücken zu kehren, war ich 17 Jahre alt.
Ich wechselte die Schichten und lernte andere Familienkonstellationen kennen. Wenn man wie ich aus einem Umfeld kommt, indem Kriminalität und Leid alltäglich sind und das in jeglicher Hinsicht, ist ein solcher Wechsel von vorne herein mit Problemen bestückt. Ich fühlte mich nirgends Zuhause. Denn als mir bewusst wurde, das ich all diese Schichten mit all ihren Erwartungen nicht erfülle, fühlte ich mich wie ein Alien.

Es gab tatsächlich Zeiten da verfluchte ich meine Andersartigkeit. Ich las Bücher über Philosophie, Psychologie und Kunst und vertiefte mich in Bücher über Metaphysik. Die Religionswissenschaft wurde mein Hobby und trotzdem oder gerade deswegen fühlte ich mich sehr einsam. Natürlich hatte ich Bekanntschaften, Freunde und damals noch einen Mann an meiner Seite. Aber die meiste Zeit schwieg ich, denn wenn ich anfing über meine Erkenntnisse zu sprechen, verstand kein Mensch was ich sagen wollte. Schweigen war daher sehr viel einfacher.

Meine Beziehung war sehr paradox, ich wünschte mir ein Kind, einen kleinen Menschen der durch einen Teil von mir, vielleicht genauso ver"rückt" war wie ich. Aus heutiger Sicht wünschte ich mir einfach jemanden der mich liebte so wie ich war, ohne meine Art zu denken in Frage zu stellen und ohne mich nach einem Abbild einer Gesellschaft formen zu wollen. Das war der einzige Grund warum ich mich auf einen Mann einließ. Denn ich konnte mir nicht vorstellen, das es möglich war mit einer Frau ein Kind aufzuziehen, ich musste es erst viele Jahre später erfahren. Das ich lesbisch war, war kein Geheimnis, ich sagte es jedem der mir begegnete. Zwar hielten mich meine Freunde eher für Bi, aber in mir war alles klar. Es gab nur Frauen in meinen Phantasien, in die ich mich regelmässig flüchtete sobald der Alltag über mir zusammen brach. Es ist tatsächlich möglich über Jahre hinweg ein Doppelleben zu führen, das Leben innen mit der Erkenntnis und dem Wissen, das ich wirklich nur mit einer Frau an meiner Seite glücklich werden kann und das Leben im Außen mit der Erkenntnis und dem Wissen, das mein Unglücklichsein unteranderem aus der Beziehung zu einem Mann resultierte. Glück ist etwas das man kennen lernen muss, um es zu vermissen.

Ich fing an aus Langeweile Kunst zu studieren, ich hatte vor meiner Begegnung mit meinem Ex-Mann bereits viele Jahre Kunsterfahrung gesammelt, alleine durch zwei wundervolle Lehrer. Mein erster Lehrer war ein Landschaftsmaler mit Nachnamen Dengler, mein zweiter war Charlie van Riek, ein Holländer der im gleichen Ort lebte wie ich. Wir wurden Freunde. Bei ihm habe ich viele Jahre den Surrealismus studiert und ich danke ihm heute noch für diese lehrreiche Zeit. Er war ein toller Freund. Leider haben wir uns aus den Augen verloren... solltet ihr ihn kennen, schickt ihm liebe Grüße von mir. Ich war seine "la Protégée".

Nach meiner (damals noch) Kunst -"Phase" fing ich an Psychologie zu studieren. Eines meiner Schwächen ist, wie ich bereits erwähnt habe, das ich - wenn sich Langeweile einstellt - schnell das Interesse an Ausbildungen und Studien verliere. Ich bin ein absoluter Autodidakt und ein Praktiker. Ich lerne durch Erleben. Dieses handlungsorientierte Lernen funktioniert nur wenn ich die Möglichkeit habe Erfahrungen zu sammeln. Theorie ist mir meist nicht genug und gipfelt schnell in absolute Langeweile. Ich lese somit auch nie die Gebrauchsanweisung, ich schau mir das Teil von allen Seiten an und tüftel so lange bis ich es verstanden habe - meine Frau macht das wahnsinnig und mich macht es wahnsinnig wenn sie stundenlang den Text studiert bis das Teil funktioniert :) .

Das Psychologiestudium endete mit dem Ende meiner Ehe. Ich musste mich auf meinen Lebensunterhalt konzentrieren und das Studium war a) zu Zeit intensiv und b) zu teuer. Da ich einen Ehevertrag unterschrieben hatte, ging ich aus dieser Beziehung wie ich gekommen war - Mittellos.

Ich wechselte wieder mal die Schicht in dem ich statt 1000 DM am Tag für Schwachsinn auszugeben, gerade mal so viel verdiente das ich im Monat überleben konnte. Ich hatte zwei Arbeitsstellen, tagsüber jobte ich halbtags in einer Bäckerei und abends als Bedienung in einer Bar. Mein Ex-Mann hatte eine Behinderung die auch nach meiner Beziehung zu ihm meinen Alltag begrenzte. Er hat(te - da ich nicht weiß ob er noch lebt) Multiple Sklerose, die schwere Form die zum Tode führt.

Es war ein langer Weg mich trennen zu können, ohne allzu großes Leid zu verursachen. Diesen Weg habe ich 1 Jahr bis ins kleinste Detail geplant. Als ich ihn verließ konnte er in der für ihn erbauten und von mir konstruierten behindertengerechten Wohnung mit einer Pflegekraft gut leben.
Dennoch endete unsere Trennung sehr Tränenreich und zuletzt von seiner Seite aus ziemlich zornig.

Natürlich hatte ich Frauenbekanntschaften, meine erste Frau lernte ich mit 9 kennen und sexuell lieben und ab da wurde mir auch klar, das ich Frauen anziehender finde als Männer. Bei Freundschaften spielte das Geschlecht absolut keine Rolle, im Bett schon. Nach meiner Ehe gab es einige Frauen, ich fühlte mich bei ihnen schön und begehrenswert. Verliebt war ich oft. Aber ich liebe nur einmal in diesem Leben eine Frau. Und das ist meine Frau die ich 1998 kennen lernte. Dieses Exklusivrecht ist für mich bindend, für dieses Leben wie für alle weiteren. Ich gehe davon aus, werde ich noch einmal auf diese Welt kommen, dann als buddhistische Nonne oder wir treffen uns wieder ;) eine andere Vorstellung von einem zukünftigen Leben habe ich nicht. Ich habe noch nicht mal eine Vorstellung von Morgen. Auch etwas das mich von anderen Menschen unterscheidet - ich bin nicht zukunftsorientiert. Ich denke nur an den heutigen Tag, was morgen ist, interessiert mich nicht (zum Leidwesen meiner Freunde, die tolerieren, das ich sehr oft vergesse das wir verabredet sind. Ich muss mir jede Kleinigkeit notieren, sonst ist sie weg aus meinem Gedächtnis.).

Britta ist die Frau meines Lebens, der Stern der für mich glänzt. Der Himmel der sich öffnet und das Licht das in der absoluten Dunkelheit für mich leuchtet. Sie war der erste Mensch für die ich mein ICH aufgegeben habe. In unserer Partnerschaft leben wir das WIR.

Mit 35 wurde ich sehr krank, ich dachte ich sterbe und es hätte auch zu meiner Vorstellung als Kind gepasst. Aus heutiger Sicht denke ich, dass ich diese Erkrankung,  die zwei Jahre anhielt  und noch heute Teil meines Lebens ist, brauchte um zu erkennen das ich alt werden will.

In meinem ganzen Leben - denn ich gehe davon aus, das sich das nicht ändern wird - erkenne ich Entwicklungen anhand von harten bisweilen schmerzhaften Prozessen, ich fühle mich geführt, denn so oft schon gab es Momente da war der Tod ein sehr naher Begleiter. Er hat mich berührt, damit ich ihn fühlen konnte und dann ging er wieder.
Für mich ist es so, als würde er einfach nur eine Frühstückspause einlegen um mir dann wieder freundlich zuzuwinken, manchmal aus der Ferne und manchmal direkt neben mir, so das ich seinen Luftzug spüre wenn er die Hand freundlich erhebt und winkt.

Ich habe in den letzten fast 50 Jahren viele Menschen und Tiere sterben sehen. Wäre mein Leben ein Friedhof, so hätte ich viele Gräber zu pflegen.
Die Begegnungen waren manchmal lang und manchmal sehr kurz, viele dieser Begegnungen sind immer noch sehr präsent und haben in mir vieles verändert.

Das erste Erlebnis mit dem Tod hatte ich in meiner Kindheit. Annabell war vielleicht ein wenig älter als ich, als sie ermordet wurde. Wenn ich zurück blicke sehe ich sie mit langen braunen Haaren. Ein genaues Bild habe ich nicht mehr. Es ist zu lange her. Sie war meine Freundin und die Tochter einer Prostituierten und ihres Zuhälters. Beide gingen ein und aus in meiner Familie. Ihre Mutter ging mit meiner Mutter auf den Strich und hin und wieder standen Annabell, meine Geschwister und ich nackt vor der Kamera. Für mich war das eines der schlimmsten Erlebnisse in meiner Kindheit. Für Annabell läutete das, das Ende ihres Lebens ein.
Annabell wurde in einer Badewanne ertränkt. Etwas später sollte auch ich sterben, aber ich habe den Mordversuch meines Vaters überlebt. Wie kann ich euch nicht sagen, da mir hier die Erinnerung fehlt. Er hat versucht mich zu erwürgen und als er dachte ich sei tot, warf er mich aus dem zweiten Stock unseres Hauses. Eine Nachbarin hat das beobachtet und die Polizei und den Notarzt verständigt. Meine Erinnerung setzt erst wieder Wochen später ein. Ich saß in dem Auto das mich zu einer Pflegefamilie brachte (bei der ich knapp ein Jahr lebte) und hatte keine Ahnung wie ich dort hin gelangte noch wohin es mich fuhr. Es gab Momente da fiel ich von einer Verwirrung in die Andere, weil ich mich nicht erinnern konnte wieviel Zeit vergangen war von einem Erlebnis zum anderen. Mein Leben war wie eine Perlenkette mit vielen fehlenden Perlen. Es gab mit Sicherheit auch ruhige Zeiten aber ich erinnere mich kaum daran.

Ich weiß nur es gab eine Zeit da dachte ich alles verändert sich, in dieser Zeit versuchte meine Familie ein "normales Leben" zu führen. Mein Vater hatte ein kleines Kiosk und wir fuhren einmal im Monat zum Autokino, wir Kinder lagen dann den Rest der Nacht im Kofferraum des hellblauen Opels. Diese Zeit ist in meiner Erinnerung sehr sehr kurz, ich weiß noch wie ich mich fühlte als mein Vater mir sagte, das nun alles besser wird. Ich fühlte das erste mal so etwas wie Freude. Kurze Zeit später verpuffte diese wie eine Seifenblase und das Grauen von Missbrauch und Gewalt fing von vorne an.

Wie so oft in meinem Leben ergibt alles irgendwann einen Sinn. Ich hatte schon immer das "zweite Gesicht" wie meine Großmutter das nannte. Ich konnte Dinge vorraussehen, die  kurze Zeit später mit einer Genauigkeit ein trafen und meine  Familie regelmässig irritierte und faszinierte. So kam es, dass mein Vater irgendwann beschloss mich wie Uri Geller zu vermarkten. Er wollte das ich den Leuten die Zukunft vorraussagte. Er dachte damit verdient man viel Geld. Und genau das war der Moment in dem ich mich wehrte. Ich weiß nicht wie alt ich damals war, vielleicht so um die 10 Jahre alt. Ich weigerte mich vehement und auch die Tatsache das ich in dieser Zeit viele Schläge eingesteckt habe, änderte nichts daran. Einer meiner Ausbrüche war legendär, ich brüllte er kann mich töten, aber ich werde es niemals zulassen, so zur Schau gestellt zu werden wie Uri Geller. Er schlug mich und ich schlug das erste mal zurück. Danach lässt mich mein Gedächtnis wieder im Stich. Ich habe in der Zeit zwischen meinem 9. und meinem 16. Lebensjahr viele Lücken, man nennt das auch Redrograde oder Partielle Amnesie. Aus Erzählungen weiß ich, dass ich mich wehrte und aufsässig wurde. Immer dann wenn ich wieder aus meiner Amnesie erwachte fühlte ich mich wie ein Alien. Es gab Momente da war ich davon überzeugt ein Wechselbalg zu sein. Ich konnte mich nie mit meiner Familie identifizieren, es waren so viele unterschiedliche Welten zwischen uns, da war die Vorstellung ein Kind zu sein, das vertauscht wurde, genauso real wie die Vorstellung ein Alien zu sein.

Ich war anders als meine Geschwister, ich war belesen und ich interessierte mich bereits als Kind für die Wunder dieser Welt. Darin erkannte ich die Schönheit die mir in meiner Kindheit verborgen blieb. Ich liebte (und liebe) die Natur mit ihren Entwicklungen. Ich war schon als Säugling (meine erste Erinnerung) fasziniert von natürlichen Vorgängen, (in dem Fall von Sonnenstrahlen die von den Blättern aufgefangen wurden) Wenn mein Vater klar bei Verstand war, was nicht oft der Fall war,  diskutierten wir über Physikalische Zusammenhänge, wir sprachen über die Relativitätstheorie, über Einstein und seine Thesen. Mein Vater war sehr intelligent, nur leider auch vollkommen wahnsinnig. Er war ein Soziopath der uns studierte wie man Amöben oder Einzeller studiert. Ich denke er betrachtete mich als etwas Besonderes, das es galt zu besitzen. Wir hatten eine merkwürdige Beziehung. Auf der einen Seite war er der Einzige mit dem ich überhaupt reden konnte, er forderte mich sogar oft heraus für meine Überzeugung und Meinung einzustehen. Er sagte: "Überzeuge mich!" und ich fiel auf dieses Spiel herein. Wenn ich nach Draußen wollte, musste ich erst mit ihm über alle möglichen Sachverhalte diskutierten und wenn ich verlor musste ich in der Wohnung bleiben. Als Kinder haben wir Hunger und Durst erlebt, eingesperrt in unserem "Kinderzimmer" verbrachten wir Tage ohne Kontakt nach Außen. Wir hatten einen Eimer für unsere Notdurft und einen Topf mit Wasser. Ich habe absolut Extreme Situationen kennen gelernt. Hunger ist eine davon. Im Winter ohne Schuhe und Strümpfe im Nachthemd in der eisigen Kälte, ist eine andere. Ich habe die absolute Gewalt erlebt, die mich dem Tod meinem ewigen Begleiter sehr nahe gebracht haben - Vergewaltigung und Misshandlung, Missbrauch und Gewalt. Mein Vater war nur einer von vielen. Aber er war der erste, der mir beibrachte das Leid allgegenwärtig ist. In der Natur habe ich meinen Frieden gefunden und ich habe die schlimmsten Dinge hingenommen, um meinen Baum umarmen zu können. Eine Umarmung ließ mich wieder auftanken, ausatmen, einatmen. Eine alte Eiche (oder war es eine Buche...ich glaube es war eine Eiche) war meine Tankstelle.  Ich habe diesen Baum wirklich sehr geliebt. Oft saß ich ganz oben in seiner Krone, während die Welt unten immer kleiner wurde. Ich saß da und fühlte mich frei wie ein Vogel. Als ich mit Britta viele Jahre später wieder an diesen Ort fuhr sah ich nur noch die Wurzel, den Baum hatte man abgeholzt. Es war als hätte ich einen alten Freund verloren. Ich saß da und weinte.


2012 erfuhr ich vom Tod meines Vaters, er starb wie er gelebt hatte, er hat sich im wahrsten Sinne des Wortes zwei Jahre davor selbst in die Luft gesprengt. Eigentlich dachte ich, das seine Todesnachricht ein Freudentag für mich wird. Aber ich fühlte gar nichts, es war als wäre alles was er in mir hinterlassen hat, alle Narben und alles Leid mit ihm gestorben.
An diesem Tag sprach ich mit einer Bekannten und ich erzählte ihr davon das ich erfahren habe, dass mein Vater gestorben war. Und dann fing ich an zu lachen und meine Bekannte stieg mit ein. Wir lachten bestimmt über eine Stunde am Telefon, mir tat alles weh, aber es war so unglaublich befreiend. Erst nach diesem Lachanfall wurde mir bewusst, das ich nun endlich frei bin. Die Erleichterung ist auch heute noch, nach all den Jahren fühlbar. Endlich frei.

Während meiner Kindheit habe ich zweimal versucht mir das Leben zu nehmen. Einmal mit einem Schnitt durch die Pulsadern (ich schloss die Augen dabei uns schnitt daneben, diese Narbe ist immer noch ganz zart zu sehen), da war ich 12 und einmal durch die Einnahme von Tabletten, da war ich 15 Jahre alt. Ich nahm die Schlaf und Schmerztabletten meiner Oma ein. Allerdings habe ich dazu Milch getrunken und kurze Zeit später mir die Seele aus dem Leib gekotzt. Geschlafen habe ich trotzdem, fast 24 Std. lang. Diese Selbstmordversuche hat keiner so richtig mitbekommen. Zwar haben sich alle gewundert warum ich so lange schlief und nicht wach zu bekommen war, aber man zuckte nur die Schultern, ich war eben merkwürdig. Da ich als Kind sehr viele Wunden und Narben hatte, war auch der Schnitt kein großes Ereignis. Ich wusch meine Wunde aus, wickelte ein Handtuch drum und wartete bis der Blutfluss beendet war,  damit war die Sache erledigt. Ich habe so viele kleine zarte oder große sichtbare Narben, das die kleine Narbe an meinem Handgelenk nicht weiter auffällt.

Nach einem missglückten Fluchtversuch mit 16, verließ ich mit 17 Jahren endgültig mein Elternhaus. An diesem Tag sah ich meinen Vater das letzte Mal.

Irgendwann zwischen meinem 32. und 35. Lebensjahr versuchte meine Mutter Kontakt zu mir aufzunehmen. Meine Telefonnummer hatte sie von meinem Bruder, den ich in seiner Behinderteneinrichtung besuchte. Ich war geschockt ihre Stimme zu hören, sie sagte mir, das mein Vater krank sei und sein größter Wunsch sei mich noch einmal zu sehen. Diesen Wunsch habe ich ihm nicht erfüllt. Ich glaube wirklich mein Vater hat in mir vielleicht etwas gesehen, dass er selbst gerne geworden wäre. Eine Freundin meinte einmal zu mir: "Er hat versucht das Gute zu zerstören!". Vielleicht hatte sie damit recht. Ich war die Einzige die sich ihm stellte, die Einzige mit der er über die Dinge reden konnte, die weit über den Horizont meiner restlichen Familie gingen. Aber zwischen uns blieb diese distanzierte Kluft. Als Kind dachte ich ich würde ihn Hassen, ich hatte Angst vor seinem Wesen, das sehr unberechenbar war. Ich hatte Angst vor seinen hellblauen Augen, deren Pupillen sich verengten und manchmal so groß wurden, dass das Hellblau kaum noch zu sehen war. Es gab einen sehr bewussten Moment, da tat er mir leid. Er zog seine Waffe hervor und steckte sich die Mündung in den Mund und schoß, während wir Kinder auf dem Sofa saßen und zusehen mussten. Danach weinte er wie ein Kleinkind. Russisches Roulette war ein regelmässiges Spiel das er mit uns wie mit sich selbst spielte.
Die Angst schnürrte mir manchmal die Kehle zu, wir mussten die Augen offen lassen, wenn er uns die Mündung an den Kopf setzte, wir durften nicht zucken, als er abdrückte. Er wollte uns in die Augen sehen, er wollte sehen, was mit unseren Augen passierte. Meine Augen haben jedesmal gezittert, in mir brüllte alles die Augen zu schließen um seinen Augen zu entkommen. Erst später habe ich begriffen, das er die Patronen vor dem Spiel entfernte. Ab da war keine Angst mehr in meinen Augen, ich sah ihn an und verzog keine Miene.


Als Kind habe ich eine Macht in mir gefühlt die mir Zuversicht vermittelte. Ich fühlte mich trotz der traumatischen Erlebnisse von etwas geführt. Zeitweise dachte ich wirklich es sei Gott der meine Hand hält. Ich habe zu viel erlebt um es mit einem Zufall abzutun. Ich sollte zu oft sterben und der Tod war dauernd an meiner Seite. Aber ich überlebte. Das ich so anders war als meine Geschwister brachte viele Probleme mit sich. Ich sprach anders, ich dachte anders, ich handelte anders. Mein Vater war der erster der vermutete ich sei hochintelligent. Ein Test viele Jahre später bestätigte diese Vermutung. Ich bin Inselbegabt, ein normaler IQ konnte nicht gewertet werden, da ich keinen Bezug zur Mathematik habe, dafür aber einen großen Bezug zur Sprachkenntnis und zum wahrnehmungsgebundenen logischen Denken. Mein Arbeitsgedächtnis ist nahezu misserabel, was aber wiederum mit meiner DISS in Folge meines Traumatas in Verbindung stehen könnte.  Ich denke divergent und ich kann unterschiedliche Dinge zur gleichen Zeit verfolgen, meine Begabungen liegen im künstlerischen Bereich. Mein räumliches Denken ist über dem Durchschnitt. Aber mein hauptsächlicher  Bereich der Intelligenz ist im kognitiven Bereich zu finden. Man nennt es auch EQ Emotionale Intelligenz. Ich bin ein Empath, was erklärt, warum ich als Kind bereits eine Art Vorahnung hatte, die mich bis heute beschützt hat.

Mein EQ liegt wohl zwischen 120 und 130, wobei ich hier ein Problem mit dem Erkennen von Emotionen in den Gesichtern habe, was unteranderem die Diagnose Asperger erklärt.
Kurz um, ich habe keine Ahnung wie intelligent ich wirklich bin. Alles was ich weiß ist, dass ich anders denke als viele andere Menschen. Ich gebe mich nicht zufrieden etwas "Normal" zu finden. Ich hinterfrage alles, mich inklusive und ich bin sehr oft mit Gefühlen beschäftigt, mit meinen eigenen, wie den meiner Mitlebewesen.

Aus dieser etwas schrägen Kombination von Intelligenz, Wahrnehmung und Empathie hat sich  mein Glauben entwickelt den ich seit 2009 offen lebe.

Im Buddhismus wurden so ziemlich alle Fragen beantwortet die ich im Laufe meines Lebens stellte. Als Kind verstand ich nicht warum Menschen sich gegenseitig Leid antun. Ich fand das paradox, denn niemand möchte durch einen anderen Menschen Schmerz empfangen (außer er ist Masochist, aber auch hierzu habe ich eine eigene Erklärung gefunden).

Wir alle sind darum bemüht so heil wie möglich aus unserem Leben zu scheiden. Und doch ist Leid der größte Faktor im menschlichen Dasein. Aus dem Leid sind wir entstanden (zu denken das ein Kind glückstrahlend auf die Welt kommt ist unsinnig, der Pressvorgang während der Wehen ist nicht angenehm für ein Kind, durch den Adrenalinausstoß und die Verbindung zur Nabelschnurr wirkt der Vorgang zwar betäubend, doch nach dem Austritt ins Leben, ist alles was vorher beschützend war nicht mehr vorhanden. Es ist ein neues Dasein. Womit viele Säuglinge konfrontiert werden, ist vergleichbar mit einem Autounfall, eben noch alles in Ordnung und im nächsten Moment friert man und alles tut weh. Leid erfahren wir während unserer Entwicklung von der Zeugung bis zum Säugling. Vom  Säugling zum Kleinkind. Vom Kleinkind zum Schulkind. Vom Schulkind zum Pubertierenden. Vom Pubertierenden zum Erwachsenen. Vom Erwachsenen zum Alten. Vom Alten zum Sterbenden. Vom Sterbenden zum Toten. Leid ist allgegenwärtig.

Viele Menschen empfinden das Leid das ihnen widerfährt als Normalität. Sie ignorieren, vergessen, wenden sich ab oder Leiden stumm oder laut vor sich hin. Leid hat so viele Gesichter, vom selbst weh tun, bis dahin das andere einem körperlich und geistig weh tun. Vom psychischen Schmerz bis zum Körperlichen Schmerz sind es manchmal nur winzig kleine Schritte.
Von der Kränkung bis hin zur rohen Gewalt. Leid ist unglaublich vielfältig.
Leid setzt sich fest, Glück vergisst man. Es ist genauso schwer Leid zu verarbeiten, wie sich an Glück zu erinnern.

Wenn ein Psychologe Menschen bei der ersten Sitzung fragt was sie erlebt haben, erzählen sie von den schlimmen Dingen in ihrem Leben und wenn man sie dann fragt, ob sie auch glückliche Momente erlebt haben, verneinen sie das oft oder müssen lange überlegen bis ihnen ein solcher Moment einfällt.
Wir sind mit dem Leid dieser Welt vertraut und können uns somit leichter anbinden an Menschen die ebenfalls Leid erlebt haben.

Im Laufe meines Leben habe ich versucht (und versuche es immer noch) mich nicht mehr an Leidfaktoren zu binden. Ganz bewusst schneide ich dieses unsichtbare Band durch. Es ist nicht so, das ein Mal durchschneiden für immer gilt. Man muss sich immer wieder aufs Neue daran erinnern, das es darum geht, Leid zu verhindern und dazu gehört auch das eigene Leid, denn damit hat alles angefangen.

Da Leid für viele Menschen Normalität ist, erkennen sie auch oft nicht, wenn sie selbst Leid erzeugen. Das eigene Ego steht immer im Mittelpunkt.

Interessanter Weise ist mir das gerade in größeren Gruppen von Menschen aufgefallen. Sogar in solchen die sich gezielt dafür aussprechen etwas am Leid zu verändern.
Dabei spielt es keine große Rolle ob es sich hier um Buddhisten handelt oder um Tierschützer, Kinderhilfswerke, "Humane" Einrichtungen usw.

Bei den Buddhisten existieren viele Gruppen die immer noch Fleisch essen, obwohl ihnen die Massentierhaltung und das Leid der Tiere bewusst ist. Und die sich in Debatten verstricken welche Buddhistische Schule die wahre sei.  Bei den Tierschützern findet man ebenfalls genug Menschen die Fleisch essen und die Unterschiede zwischen den Tieren machen und bei den Menschen die sich für Kinderhilfswerke einsetzen, findet man Eltern die ihre Kinder schlagen.

Das eigene Ego zeigt uns den Weg den wir nehmen. Je größer das Ego desto enger der Pfad.

Bei einem sehr groß ausgeprägten Ego hat der Pfad wahrscheinlich die Enge einer Stecknadel.

Um zu begreifen, das Leid sehr eng mit dem eigenen Ego verbunden ist, muss man seinen Horizont erweitern. Und dazu muss man die eigene Bequemzone verlassen.

Das ist total schwierig, denn die Bequemzone zu verlassen bedeutet sich mit der unangenehmen Tatsache befassen, dass man selbst am eigenen Leid sowie am Leid anderer beteiligt ist.

Jeder Erwachsene weiß letztendlich das - um beim Beispiel Massentierhaltung zu bleiben - wenn er ein Steak im Supermarkt kauft, dass das Tier in der Massentierhaltung gelebt hat. Doch nicht jeder weiß was die Massentierhaltung für ein Tier bedeutet. Den eigenen Horizont erweitern, bedeutet sich das Wissen anzueignen, wie ein Tier in der Massentierhaltung lebt.

Und das erfordert Mut. Denn zu verstehen das diese Tiere Schmerz erleiden, zu begreifen, dass man unmittelbar daran beteiligt ist, ist schwer zu verkraften. In dem Moment wenn einem selbst bewusst wird, wie schmerzhaft ein Leben in einer Zangshaltung ist, in dem Moment verändert sich auch das eigene Ego.

Sobald man aus seiner Bequemzone heraustritt um die Wahrheit fern von den Kuschelkissen zu erkennen, wird der Horizont erweitert und je weiter er ist, desto größer wird auch der Pfad den man ab da geht. Das Ego wird nur dann kleiner wenn es sich mit dem Ego anderer Wesen verbindet.

So war es eigentlich sehr einfach für mich den Buddhismus als Religion anzunehmen, denn diese Religion erklärt im Grunde genommen das ganze System Mensch mit allem was dazu gehört. Es macht bewusst, jeder Mensch hat ein Ego und jeder Mensch kann sein Ego verändern. Jeder Mensch kann Mitgefühl in sich entfachen und jeder Mensch hat letztendlich die Entscheidung für sein Leben und das seiner Mitgeschöpfe.

Durch diese Erkenntnisse habe ich meine Kindheit besser verstanden, denn mir wurde bewusst - um das zu erreichen, was ich mittlerweile erreicht habe, musste ich (alleine durch meinen Charakter bedingt) lernen was Leid ist, dadurch das ich kein Mensch bin der mit Dingen die andere für sich entdeckt haben, zufrieden gestellt ist -  Alleine dadurch das ich alles Hinterfrage was andere Menschen für Normal halten - war es nur logisch die Dinge erfahren zu müssen.  Ich muss die Dinge selbst wahrnehmen. Ich muss hinein gehen um sie erkennen zu können.

Und so ist meine Erkenntnis dahingehend geboren, das jeder Schmerz, jedes Leid darauf bassiert, das es eine Lehrstufe im Erkennen von Zusammenhängen gibt.

Wenn noch mehr Menschen wie ich erst dann einen Aha Effekt verspüren, wenn sie die Wahrheit wirklich am eigenen Leib erfahren, dann würde das eine Erklärung dafür sein, warum es überhaupt erst Leid auf dieser Welt gibt.

Die nächste Frage die ich mir stellte war:
Wenn das alles bereits angelegt ist, haben wir dann überhaupt einen Einfluss darauf?

Bewusst im Sinne von - diesen Weg musst du gehen um das zu verstehen.
Leid musst du erst erfahren um zu begreifen was Leid ist.
Glück musst du erst erfahren um zu begreifen was Glück ist.
Liebe musst du erst erfahren, um zu begreifen was Liebe ist.

Vielleicht ist es genau das Ziel eines jeden Menschen auf dieser Welt. Das Leid zu verändern, das da ist.

Wenn man diese Überlegung noch weiter spinnt, kommt man zu dem Urknall, dem Anfang.
Unsere Welt ist geboren aus Zerstörung. Das ist das Grundprinzip unserer Existenz.
Oder unsere Welt ist einfach nur geboren ohne wenn und Aber.

Ich habe noch keine Antwort darauf gefunden, ich weiß aber das sich seit Jahrhunderten Philosophen und Wissenschaftler mit genau den gleichen Fragen auseinander setzen.
Vielleicht werden wir nie eine Antwort finden.

Doch eines weiß ich, man kann Leid verändern und zwar jedes Leid.

In unserer Existenz ist die Lösung bereits vorhanden, der große Bauplan hat nichts dem Zufall überlassen, zumindest nichts was die Lebensexistenzen auf diesem Planeten betrifft.
Wir haben eine Chance das Leid zu verändern (ich möchte hier gar nicht von Sieg sprechen, denn das wäre wieder ein Zusammenspiel zwischen Sieger und Verlierer. Es geht nicht um Sieg, es geht um Leben).

Wir müssen nur anfangen uns bewusst zu werden, was wir tun. Wir müssen anfangen uns aus unserem Ego heraus zu bewegen.

Es ist immer schön und befriedigend zu wissen, dass es einem gut geht. Unschön wird es zu wissen, das es zwar einem selbst gut geht, aber auf Kosten anderer. Und genau das ist meiner Meinung nach der Weg. - Wir schaffen es wirklich erst Leid zu verhindern, wenn uns das Leben anderer  nicht mehr egal ist. Wenn wir versuchen so zu leben, dass andere nicht auf unsere Kosten Leid erleben. Wenn wir versuchen so zu leben, um Leid zu verhindern.

Ich bin davon überzeugt, das wir alle bei uns selbst anfangen müssen, unsere Erfahrung ist unser Lehrmeister. Er zeigt uns genau was weh tut und was nicht und wenn uns bewusst ist, dass das was uns weh tut, auch anderen weh tun kann. Ist der nächste Schritt zu begreifen, dass alles was anderen Weh tut auf uns zurück fällt. Denn wenn uns bewusst ist, das wir daran beteiligt sind, das andere Lebewesen Schmerz empfinden, empfinden wir ein Gefühl von Schuld und somit beginnt der Kreislauf von Leid von vorne.

Schuld ist nämlich auch nur eines von vielen Leidfaktoren auf dieser Welt...

Hier ende ich nun meinen langen langen Text durch die letzten 50 Jahre meines Leben.

Im September endet mein 50. Lebensjahr und es beginnt ein neues Jahr in meinem Kreislauf.
Ich lebe ab da mehr als ein halbes Jahrhundert auf diesem Planeten. Solange habe ich gebraucht um mich durch alle Leidfaktoren zu bewegen.
Ich weiß nicht wie lange ich noch lebe, noch weiß ich, was die Zukunft mir bringen mag.

Ich weiß aber eines: ich bin ein sehr glücklicher Mensch. Ich habe alle Dinge die ich je erreichen wollte erreicht. Ich habe erkannt, was bedingtes Entstehen bedeutet und ich habe verstanden was ich tun muss, um mein Leid zu verändern.


Ich wünsche euch Frieden und Gelassenheit und die Erkenntnis:

Alles wird Gut -  Wenn du es selbst willst!!!

Namasté oder wie ein Freund von mir sagt: Gasho

Eure Jo







Samstag, 18. April 2015

Selbsterkenntnis

Gedanken einige Monate vor meinem Geburtstag



Es ist unglaublich ich gehe ganz schnell auf die 50 zu, ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so alt werde. Ein halbes Jahrhundert lebe ich dann auf diesem Planeten. Ich habe so viel erlebt und viel gesehen und an Gefühlen gelebt. Es reicht um mehrere Leben auszufüllen. Manchmal frage ich mich ob andere Menschen auch so viel in ihrem Leben erleben. Oder ob ich einfach durch alles durch muss, was an Erleben möglich ist. Es gibt Menschen die schreiben ganz viel über Mord und Missbrauch und Selbstmord und Drogen, sie werten solche Dinge als Negativ und verbuchen sie unter: "Gut das ich das nur aus Krimis kenne!". Ich kann darüber reden, weil ich weiß was es in einem Menschen macht und was es aus einem Menschen macht. Ich habe die Erfahrung gesammelt, das wir Menschen durch unsere Stärke oft vergessen, dass wir genauso schwach sind. Die Schwäche die als etwas schlechtes angesehen wird, oft mehr Gutes enthält als die Stärke die allgemein als Positiv anerkannt wird.

Ich habe erkannt das der Mensch sich aus diesem Grund - das wahrnehmen seiner Stärke - vollkommen überschätzt auf diesem Planeten und oft vergisst, das er nicht alleine hier lebt. Ich habe im Laufe der letzten 50 Jahre erkannt, das es wichtig ist, die eigene Schwäche zuzulassen, sich selbst als Mensch zurück zu nehmen und somit anderen Lebewesen den Platz einzuräumen den man locker ausfüllen könnte, ganz einfach weil es Leid verhindert, das genauso heftig wieder zurück kommt. In Form der Vernichtung unserer Welt.

Wir Menschen sind nicht die Eroberer unseres eigenen Planeten, wir sind die Zerstörer, jeder einzelne von uns - das habe ich in mir selbst erkannt. Ich bin in der Lage alles niederzutrampeln was ich aufgebaut habe und es erneut aufzubauen, ganz egal was es an Ressourcen verbraucht. Ich habe erkannt, das ich töten kann und vernichten, dass ich dazu in der Lage bin Schmerz und Leid zu verbreiten. Ich habe aber auch erkannt, das ich in der Lage bin genau das Gegenteil zu tun.

Wir haben immer die Entscheidung was wir erreichen wollen mit unseren Taten, wir müssen nur vorausschauend handeln. Wir müssen erkennen was passieren könnte, wenn wir tun, was wir tun. Und wir müssen erkennen, das wir nicht die Krone der Schöpfung sind, das sind andere Lebewesen weit vor uns gewesen und es werden immer andere Lebewesen sein, die diesen Platz viel mehr verdienen als wir.

Durch die letzten 50 Jahre habe ich Demut kennen gelernt, eine sehr intensive Erfahrung, die mich lehrte was Einsamkeit, Armut, Reichtum, Leid und Glück bedeutet. Ich muss durch all das hindurch um mich selbst kennen zu lernen und anzuerkennen, das nur durch das Selbst, das Ego Mitgefühl entsteht. Weisheit ist ein Erfahrungsschatz der sich nur dann öffnet, wenn man all das erlebt und sich nicht verschließt vor dem Schmerz der Selbsterkenntnis - das dass Menschsein eben nur eines von vielen Seins in diesem Universum ist.

Es ist nicht das Negative das uns hemmt in unserer Entwicklung, es ist eher das was wir nicht wahrnehmen. Die Kleinigkeiten, die Schönheiten, zu verstehen, dass es immer weiter geht, durch jeden Schmerz, jedes Leid hindurch auf eine andere Seite der Erfahrung. Zurück blickend waren es wichtige und gute 50 Jahre. Auch das Leid das seine Spuren hinterließ hat mich geschützt vor Unachtsamkeit. Ich habe nie den Blick der Reaität verloren, ich bin nie abgesoffen in einem Strudel der Illusion. Zurückblickend erkenne ich, das ich all das brauchte um zu verstehen wie unsere Welt tickt. Unsere Welt die durch meinen Blick eben nur meine Welt ist, nicht jedermanns Welt.

Die Wahrheit hinter all dem ist immer die Wahrheit des Betrachters. Mit dieser Erkenntnis gehe ich in mein 51 Lebensjahr und ich gehe voller Glück!

Namasté

Alles liebe eure Jo

Dienstag, 24. Juni 2014

Geben




Ich las heute einen schönen Artikel über eine Frau die für sich das Geben entdeckt hat. Sie hat einem Obdachlosen in die Augen geschaut und festgestellt, diese Augen haben so viel erlebt, mehr als sie vielleicht erleben wird. Diese Augen sind Gütig und traurig und in ihnen ist eine Bitte zu lesen, die Bitte nach Mitgefühl.

Diese Geschichte hat mich sehr bewegt, und dann stellte ich fest, das kenne ich doch... das erlebe ich doch jeden Tag.

Seit meiner Kindheit verteile ich Dinge die ich entweder nicht mehr brauche, oder die ich zwar brauche, aber nicht in diesem Moment.

Ich erinnere mich an das erste Mal, es war eine Frau die einen Sackkarren zog, auf ihm war ihr komplettes Leben in vielen Tüten verteilt. Sie ging an mir vorbei, den Blick auf den Boden gerichtet. Ich weiß nicht wie alt ich war, aber ich schwänzte an diesem Tag wieder einmal die Schule und eigentlich wollte ich zum Spielplatz zur Schaukel. Wenn ich darauf saß verlor sich die Welt und ich fing an zu träumen, ich hing so manchmal Stundenlang meinen Gedanken und Träumen hinterher und das Aufwachen war jedesmal erschreckend. Ich weiß noch sie hatte den gleichen Weg wie ich. Also begegneten wir uns erneut auf dem Spielplatz, sie saß auf der Bank und wühlte in ihren Tüten. Ich weiß nicht was mich bewegt hat zu ihr zu gehen. Ich griff in meinen Ranzen und zog mein Schulbrot heraus, das hielt ich ihr einfach schweigend hin. Ich war es gewöhnt für etwas das ich tat gescholten oder noch schlimmer geschlagen zu werden. Die Frau hielt inne und sah mich an und so sahen wir uns in die Augen. Ich versank in den Blau, ihrer falten kleinen Augen. 

Ich weiß auch nicht mehr wie lange ich dort stand mit dem Brot in der Hand, ich weiß aber komischerweise noch, das es nicht belegt war. Es gab niemanden der sich um mein Schulbrot kümmerte und so schnitt ich mir jeden Morgen ein Stück vom Brot ab, wickelte es in ein Stück Zeitungspapier und wurde von meinen Mitschülern ausgelacht, wenn ich es auswickelte um es auf dem Pausenhof zu essen. Auch das war ein Grund warum ich die Schule schwänzte. Mich mochte niemand, ich war zu seltsam in meiner Art, zu anders. Ein Kind das sich mehr mit Shakespeare und der Bibel auseinandersetzte als mit den damaligen Schulstoff. Ein Kind das auf dem Pausenhof an der Mauer stand und still zusah, wenn andere Kinder Gummitwist sprangen oder fangen spielten.

An diesem Morgen wollte ich das Brot der Frau schenken, die noch weniger hatte als ich.

Sie fragte mit Lücken in der oberen Zahnreihe: "Was ´n das?"
Ich sagte: "Brot, das ist gut, das ist vom Bäcker!"

Dann griff sie danach, sie wickelte die Zeitung auf und riss ein Stück von meinem Brot an.
"es ist gut!" sagte sie und ich musste lächeln. Ich freute mich darüber das ihr das Brot schmeckt.

Ich setzte mich zu ihr auf die Bank und sah zu wie sie mein Brot aß. Und in mir war diese stille Freude, aber auch gleichzeitig Trauer. Denn es war das einzige was ich an diesem Tag zu essen bekam.

Irgendwie hat dieses Erlebnis mich geprägt, oder vielleicht auch ein anderes Erlebnis, das danach kam... ich weiß es nicht genau. Aber seitdem gebe ich, wenn ich geben kann.
Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, so hab ich letztens ein junges Mädchen mitgenommen, sie stand am Fahrbahnrand und ich war mit meiner Tochter unterwegs, eigentlich waren wir eingeladen. Aber ich dachte daran, das ich selbst mal so jung war und was mir seit meiner Kindheit wiederfahren ist, also nahm ich sie mit. Sie wollte sich in Frankfurt bei einer Jobvermittlung vorstellen und sie bat mich, sie bis zur Ortsgrenze mitzunehmen, damit sie von dort weitertrampen konnte. Sie erzählte mir, dass sie zu ihrem Freund nach Frankfurt ziehen will, als ich sie fragte, warum sie nicht nach Darmstadt geht.
Nach ein paar Minuten überlegen wieviel Geld ich noch in meinem Portemonnaie hatte, fuhr ich sie zum Bahnhof und zog ihr eine Bahnkarte nach Frankfurt. Mein Geld reichte leider nur für eine Karte, aber ich dachte mir, wenigstens ist sie auf der Fahrt hin sicher. Das Mädchen sah mich die ganze Zeit irritiert an. Dann fragte sie:

"Ich weiß  nicht was ich sagen soll, warum tun sie das für mich?"
Ich sah sie ernst an: "Weil es mir ein Bedürfnis ist!" Einen Moment dachte ich darüber nach, ihr zu erzählen dass ich in ihrem Alter schon mehrfach vergewaltigt wurde... ich dachte daran, ihr zu sagen, dass das Leben zu kostbar ist, um es zu riskieren, aber ich schwieg. Es währe nur eine Erklärung für etwas das ich ohne Erklärung tun würde. Ich wartete bis sie der Zug abfuhr und ich sah sie noch lange winken...

Ich erinnere mich an viele Beispiele. Ich war vor vielen Jahren im Krankenhaus, es war Winter und meine Frau und ich gingen im Klinikpark spazieren. Da sahen wir einen Obdachlosen der auf einer Parkbank schlief und ich wurde ganz hektisch, weil es so kalt war. Ich bat meine Frau am nächsten Tag unsere Schlafsäcke mitzubringen. Britta fragte nicht großartig was ich damit vor hatte, sie kannte mich damals schon gut genug. Also brachte sie am nächsten Tag unsere beiden Schlafsäcke mit. Wir gingen wieder in den Park aber der Obdachlose war nicht, stattdessen lag unter der Bank seine Tüte. So wussten wir, das er wiederkommen würde. Ich legte unsere Schlafsäcke unter die Bank und darauf legte ich die Tüte und dann gingen wir wieder Hand in Hand zurück zur Klinik.

Meine Frau lächelte die komplette Zeit über, es machte sie Glücklich und mich auch.

Wir haben nie erfahren, ob der Obdachlose sich gefreut hat. Aber das war auch nicht wichtig.... 

Geben, bedeutet nicht unbedingt Geld ausgeben. Manchmal reicht es schon mit anzupacken, wenn Hilfe benötigt wird.

Geben verändert, es hinterlässt ein gutes Gefühl in der Herzgegend. 
Mich beflügelt es jedesmal, danach gehe ich mit einem guten Gefühl nachhause. 
Ich erwarte kein Danke, noch nicht einmal ein Lächeln... ich erwarte nichts mehr.

Das ist es was ich damals als Kind begriffen habe, es hat mir ausgereicht, das mein Brot geschmeckt hat.
Das war mir ein Danke genug...


in diesem Sinne
Fangt den Tag an mit Geben, es wird euer Leben bereichern.

Namasté eure Jo