Mantra Musik

Sonntag, 21. Juli 2013

Vom Leben und Sterben der kleinen Dinge



Ach wie hat mich das früher angekotzt, wenn Buddhisten oder Esoteriker (die das genauso gut können) mir sagten: "Du musst loslassen!"
Es hat sehr lange gedauert bis ich (ganz alleine nur FÜR MICH) verstanden habe, was Loslassen überhaupt bedeutet.
Es fing damit an, als wir Hühner und Schafe bekamen und auf einmal ordentlich rechnen mussten, denn es musste immer genug Heu, Schaffutter und Hühnerfutter vorhanden sein, da ist einfach am Ende des Monats kein Geld mehr vorhanden um sich tolle Klamotten zu kaufen.
Wir mussten Prioritäten setzten.

Es fing auch damit an, das ich es irgendwann aufgegeben habe, mit "guter" Kleidung zu den Tieren zu gehen. Meine Hunde sind richtige Wilde, sie springen mich an, knabbern an meinen Klamotten. Sie versauen mich und wenn ich Pech habe, bin ich in Hundekacke getreten, so schnell kann ich gar nicht reagieren.

Das Leben hat mich das Loslassen gelehrt, das was kein Buddhist der Welt hinbekommen hat, haben meine Tiere erreicht.
Im ersten Jahr meines Tierhofs hatten meine Klamotten mehr Flecken als ich zählen konnte, teils angekaut, zerrissen, mit Grasflecken, Sabberflecken und anderen, die man zwar roch aber nicht mehr identifizieren konnte. Ich habe mir in diesem ersten Jahr meine komplette Garderobe versaut.
Wenn ich jetzt irgendwo eingeladen werde oder meine Tochter zum Ballett bringe, kann es vorkommen, das ich dort antanze mit Schuhen die von oben bis unten mit Schlamm bespritzt sind.
Einfach, weil mir das selbst gar nicht mehr auffällt.

Ich glaube ich habe mich das letze Mal vor einem Jahr geschminkt,  ich weiß sogar noch wann das war. Davor bin ich nämlich wie wild durch die Wohnung gehechtet um nach einem Kleidungsstück zu suchen, das für diesen Anlass geeignet ist. Das war der Tag an dem wir von Bernie zu einem Musical eingeladen wurden.

Ich kam mir vor als würde ich in eine vollkommen andere Welt eintauchen, so ohne Hunde, Schafe, Hühner und Katzen... es war komisch, ich habe es genossen!

Solche Dinge sind Exklusiv und absolut hammermässige Ausnahmen in meinem Leben. Ich genieße sie, doch wenn es beendet ist, weine ich dem nicht hinterher.

Wenn ich mir überlege wie ich früher war, so ganz die Dramaqueen in Silberschmuck und Klamotten von Nook und Sulu, meinen damaligen Lieblingsdesigner. Meine Glatze habe ich verborgen mit feinen Tüchern die ich zu einem Turban wickelte. Ich war sicherlich sehr attraktiv, denn das afrikanische kam dadurch noch stärker zum Vorschein. Meine Augen habe ich mit grünem Kajal geschminkt und auf meine vollen Lippen kam ein hellbrauner Lippenstift. Die Schminke habe ich immer noch, aber es gibt keinen Anlass.
Manchmal denke ich darüber nach, ob das Zeug noch einige Jahre hält, denn dann kann meine Tochter es benutzen. Dann muss ich lachen, schau mir meine Schminkutensilien einen Moment noch an und geh grinsend aus dem Zimmer.
Ich weine dem nicht hinterher. Es ist wie es ist und ich muss zugeben, das Leben ohne Schminke ist ein recht einfaches Leben.
Das Leben ohne Dauersuche nach guten Klamotten ist wesentlich komfortabler, sowohl für unseren Geldbeutel, als auch für unseren Kühlschrank.

Früher als meine jetzige Familie noch Zukunft war, bin ich auf Reisen gegangen. Mindestens 3 mal im Jahr fand man mich in unterschiedlichen Ländern, auf weißen Stränden und zwischen dem bunten Markttreiben der Händler und Aussteller. Heute ist eine Reise nicht möglich, da wir Leute bräuchten die die Tiere versorgen, die Hunde müssten in eine Pension und jetzt da meine Katze Tattoo krank ist, braucht sie besondere Pflege.
Ich weine dem nicht hinter.
Letztens saß ich hier auf dem Bett und habe versucht alte Fotos zu sortieren (wir haben viele kleine weise Pappkartons mit Fotos, von mir, von Britta und von Shaya). Darin ist unsere Vergangenheit eingelagert.
Dort habe ich auch einige Fotos gefunden von meiner 28 tägigen Schiffsreise über den Pazifik. Da mir das Sortieren zu langweilig war, habe ich es gelassen. Später ist mir der Karton noch mal einmal ins Blickfeld geraten und ich dachte über meine Gefühle nach, ob ich es vermisse in Länder zu reisen, die mir fremd sind.

Ich erinnere mich, wie ich die Schiffsroute ausgesucht habe. Ich hatte einen Globus, den ich dann einfach anstupste und zum rotieren brachte,  mit meinem Zeigefinger hielt ich ihn an. Ich landete auf den kleinen Antillen. Und genau dorthin sind wir dann auch gereist.

Während ich hier auf meinem Bett saß, mit Blick aus dem Fenster, dachte ich darüber nach, ob mir etwas fehlen würde, jetzt da eine Urlaubsreise so gut wie unmöglich geworden ist.
Ich musste nicht lange nachdenken. Mir wurde klar, das ich es nicht mehr brauche. Ich brauche keine fremden Länder, keine fremden Kulturen. Keine Designer Klamotten, keine Tücher die ich mir um den Kopf wickeln kann, kein Silberschmuck und keine Schminke mehr.
All das was mir früher wichtig war, ist mittlerweile nur noch Vergangenheit und somit nicht wichtig genug.

Das wichtige ist der Alltag, die Dinge die ich hier benötige um tagtäglich so zu leben, wie ich es mir ausgesucht habe. Mit den Tieren, meiner Tochter, meiner Frau.
All das ist fern von dem wie ich einst war.

Der Spruch von einst: "Du musst loslassen" ist ganz von alleine Wirklichkeit geworden, es ist einfach passiert.

Ich bin davon überzeugt, das vieles einfach passiert, wenn es die richtige Reife erlangt hat.

Ein Brot backt sich nicht alleine. Um es zu backen, braucht es Zutaten, dann muss man es kneten, man muss es gehen lassen, wieder kneten, vielleicht noch einmal gehen lassen, bevor man es formt und backt.

Ein Bäcker würde sagen, es ist der normale Alltag ein Brot zu backen.
Jemand der noch nie ein Brot gebacken hat, würde sagen: "das dauert ja Stunden".

Je mehr wir in unserem Alltag die kleinen Dinge des Lebens integrieren, desto mehr verblassen die großen Dinge die wir einst festhielten. Für diese ist dann irgendwann kaum noch Platz.

Und irgendwann stellen wir irritiert und überrascht fest, das die großen Dinge von einst, auf einmal winzig klein geworden sind.

Und irgendwann fangen wir an zu lächeln, wenn mal wieder jemand sagt: "Du musst loslassen!"
Weil wir begriffen haben, das alles seine Zeit braucht.

Das Loslassen wird letztendlich irgendwann zur Normalität.

Ah, meine Frau sagte gerade, nach dem ich ihr meinen Text vorlas: "Apropos weiße Kartons! Es wäre schön wenn du sie wieder zurück bringst"

Tja alles braucht seine Zeit ;)

In dem Sinne...

Namasté
Alles liebe von Jo

quelle:
Ruth Letter Fotografin

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