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Montag, 21. März 2016

Ein Tag der Trauer - Tagebuch

Ich glaube ich habe noch nie so viel geweint wie in den letzten Monaten.
So vieles nimmt gerade Abschied in mir und das Leben scheint gerade sehr dunkel zu sein.
Heute habe ich einfach mal losgelassen, vom Stark sein und den Schmerz fließen lassen.
Ich kann leider nicht jammern, wie gerne würde ich den Mond anheulen oder mich suhlen in meinem Schmerz. Mich einfach hingeben in das Leid und Rotz und Wasser fließen lassen, bis ein Bach entsteht aus Trauer und Schmerz.
Aber es kommt nur Phasenweise und dann sehe ich eine Blume oder irgendetwas lässt mich lächeln, der schmerz ist weg, bis zum nächsten Mal...
Er kommt und geht, manchmal im Minutentakt. Mein Lächeln wechselt sich mit einem Weinegesicht ab.
Es tut weh dauernd.

Dieser Zustand von Schmerz lässt mich noch tiefer werden, für das Leid anderer Wesen. Ich komme nicht mehr an den Punkt an dem mein Schmerz schlimmer ist. Es ist beides da und vermischt sich. Mein Weh mit dem der Anderen. Egal ob nun Tier oder Mensch. Schmerz ist Schmerz.
Und Schmerz tut immer weh.

Es gibt Momente da zerreisst es mir das Herz - und ein paar Sekunden später wundere ich mich das es noch genauso schlägt wie vorher,  nicht schneller, nicht leiser. Ich müsste eigentlich Blut kotzen, aber ich tue es nicht.
Es ist als wäre alles so wie vorher, während meine Seele schreit, hören meine Ohren wie draußen die Müllabfuhr fährt, wie eine Katze leise miaut, mein Hund schnarcht. Die leisen Atemgeräusche meiner Liebsten.
Während mein Kopfkissen sich füllt mit Feuchtigkeit denke ich darüber nach wie schön es sein wird am Meer spazieren zu gehen und gleichzeitig wird mir bewusst, das wir noch kein Zuhause gefunden haben. Mein Gehirn sagt: "Wir haben kaum noch Zeit! Scheiße!" und drängt den schönen Gedanken vom Meer beiseite und dann fühle ich es wieder dieses Zerreissen meines Herzens.
Ich fühle wie sich der Schmerz in mir ausbreitet bis er meinen Hals erreicht hat und dann kommen Töne aus mir und in der Stille der Nacht hört es sich an als würde ein kleines Baby gerade aufwachen.

Den Schmerz zuzulassen, ihn nicht abzutöten, oder wegzuradieren - ist eine Aufgabe die nicht leicht ist. Es ist zu begreifen das die Grenze vom Leid Grenzenlos ist.
Das was ich jetzt fühle scheint mir das schlimmste zu sein, das ich je gefühlt habe. Aber in Wahrheit habe ich schlimmeres erlebt, viel schlimmeres. Nur gibt es da keine Waage die den Schmerz in kleine kg aufteilt. Alles fühlt sich gleich schlimm an.

Das ist etwas das ich verstehen lernen musste. Denn so weiß ich heute, egal was wir Lebewesen erleben es tut immer gleich weh. Alles ist furchtbar schlimm wenn es passiert und relativiert sich nachdem es passiert ist.
Morgen vielleicht geht es mir besser und heute ist mein Weltuntergang.
Das Leben scheint seinen Sinn zu verlieren.
Gerade jetzt wünsche ich mir ein Loch herbei in das ich fallen kann, tiefer um tiefer und das sich über mir schließt.

Früher als ich noch viele war, habe ich meine Persönlichkeit gewechselt, mein Fell, mein ich. Ein anderer der stärker war ist statt dessen aufgetaucht und ich konnte ins innere gehen, in meine Schützhülle, meinen Kokon.

Jetzt bin ich hier, immer hier bei mir und erlebe das was wir aufgeteilt haben.
So geht es wohl  jeden der nicht viele ist und ich wünschte jetzt in diesem Moment meine vielen zurück, die mir die Sicherheit geben, die ich noch nie hatte... eine Illusion nur, aber sie tat mir gut.

Ich bin dankbar für diese Zeit.
Und ich bin dankbar für diesen elenden Schmerz der mich heilt von dem Schmerz meiner Vergangenheit...
Jetzt.

Namasté eure Andarnil





Samstag, 9. Januar 2016

Tagebuch - Heute 9.1


Es ist nicht einfach über etwas zu schreiben, über das man "direkt" nicht schreiben darf, wer mich kennt, weiß ja wie ich Dinge aufarbeite, verarbeite, kläre.  
Wer denkt dass das Erkennen der ICH-Illusion vor Leid und Schmerz schützt, dem ich muss ich leider sagen, du denkst falsch.

Leid ist da immer da und zur Zeit ist bei uns Land unter. Unser Leben und Erleben verändert sich rapide und ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht. Jeder Schritt, jede Zeit die vergeht, ist ein Schritt und eine Zeit in eine Richtung die absolut unbekannt ist. 
Die große Unbekannte zeigt uns das man nichts kontrollieren kann, auch wenn ich es vorher schon gefühlt und verstanden habe, so ist es jetzt tief in meinem Inneren angekommen. Dieses Nichts Tun können und dürfen legt mich vollkommen lahm und das erste mal seit dem ich denken kann, merke ich wie meine Zuversicht, mein Gefühl für Optimismus schwindet.
Gestern war eine Nacht, da fühlte ich mich so hilflos wie noch nie in meinem Leben - oder anders, noch nie seit dem ich Erwachsen bin.
Bislang war es immer so, das ich dachte ich kann mit jeder depressiven Phase gut umgehen, ich bin so dermaßen gut ausgebildet, mein Geist ist geschult.
Aber ich habe heute Nacht gemerkt, das es auch für mich Grenzen gibt. Der Gedanke einfach loszulassen war so intensiv da. Ich fühlte mich so unglaublich hilflos, so allein. - Nicht einsam, denn das bin ich nicht. Wir haben so viele liebevolle Menschen um uns, die da sind und neben uns, an denen wir uns anlehnen können und doch ist da diese dunkle Wolke in mir. 

Das NICHT Schreiben dürfen über das was gerade passiert, hat so viel in mir in Gang gesetzt, ich hatte das Gefühl - wenn ich nicht das kann, dreh ich durch. Das hat sich in mir verselbstständigt. Ich war unglaublich traurig, deprimiert, ich fühlte mich wie lahm gelegt. Das Ventil das ich schon immer genutzt habe, um die Dinge zu klären die in mir unklar waren, brach auf einmal weg. Und ich fühlte wie alles in mir zusammenbrach.
Ein Leid das so anders ist, als das was ich bislang kannte. So kannte ich MICH nicht.

Während alle um mich herum die starke Frau sahen, brach ich heute Nacht in tausend Scherben. Ich fühlte mich alles andere als Stark und so geht es mir auch heute morgen. Ich habe überlegt einen vollkommen neuen Blog einzurichten, mit einer falschen Identität, vollkommen neu und absolut offen, damit ich zumindest ansatzweise über das schreiben kann, was mich bewegt - die Wahrheit, die Ungerechtigkeit und den Schmerz geballt offen legen kann. Aber ich habe mich entschlossen, dass nicht zu tun. Bislang war dieser Blog wie eine Ruheinsel, die mich trägt, wann immer ich es brauche. Ein Schild das mich schützt. Eine kleine budddhistische Welt meiner Gedanken und das will ich nicht einfach her geben. Nicht das Gefühl das mich trägt, sobald ich die letzten Worte geschrieben habe. Die Sicherheit einer Klarheit die  mich umgibt, das Wissen, dass meine Intelligenz, mein Wesen Mensch mich nicht im Stich lässt.

Der Buddhismus hat mir bislang immer geholfen klar zu sehen, ich brauchte nicht viel um ihn sichtbar in mir werden zu lassen. Am Ende eines Satzes stand nur noch der Moment und ich konnte danach meinen Alltag leben und leben lassen. Nur dieser Moment zählte.

In den letzten Monaten wurde der Moment zu einem immer größer werdenden Realismus. Das Ich das mich anfangs des Blog so dermaßen bewegt hat, verkümmerte zu einem kleinen Spiegel der Vergangenheit. Ich sah hin und wieder rein, winkte meinem Spiegelbild zu und ging wieder in den Moment der mich trug. Das brach gestern Nacht zusammen und auch wenn ich auf all - was mich das Erkennen der Ich Illusion lehre - zurück greifen kann, fühle ich mich nicht im Stande darauf einzugehen. Es ist so, als wäre ich die Beobachterin die sieht wie die Frau in mir zusammen bricht und das ganze ganz klar analysiert unter: "Nun ja das ist eben Leid"
Da gibt es kein: " es wird besser" , oder ein: "komm schon du bist stark, du schaffst das".
So schwächlich es klingt, gerade schaffe ich es nicht und ich gehe in genau dieses Gefühl hinein und sehe es klar vor mir. 

Und ich erkenne es an. 

Bislang waren diese Gefühle einer anderen Person in mir zugehörig, einer die noch viel jünger ist als ich. Aber mit dem Wegbrechen meiner Multiplen Persönlichkeit brach auch die Zuversicht weg, zu zwitschen, wenn es einer von uns nicht gut ging. Ich kann nicht mehr einfach in die Dunkelheit meines Schutzraumes zurück und ein anderer Erwachsener übernimmt die Situation. Auch das ist mir Gestern Nacht bewusst geworden. Früher war es einfacher, da drehte die Außenperson durch und die Innenperson übernahm die Situation. Jetzt muss ich all das erleben.

Das ist eine heftige Erfahrung mit der ich ganz ehrlich nicht gerechnet habe. Ehrlich gesagt dachte ich das Leid ist allgegenwärtig - es belastet mich nicht mehr - PUNKT!

Trotz Tränen muss ich lächeln, man weiß wie die Wirklichkeit ist, wenn man sie fühlt.
Ich drehe mich im Kreis und schau mir alle Seiten an ohne die Seiten zu erkennen -  ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht. Momentan weiß  ich nicht weiter. Alles was ich weiß ist, was passieren könnte. Da ist meine Phantasie unglaublich aktiv. Sie malt die schlimmsten Dinge an die Wand, Dinge von denen ich gehört und gelesen habe, Dinge die ich selbst erlebt habe. Das ganze Repertoire an Schreckensszenarien.  Von Schuld und Sühne und Wut und Trauer. All das was man boxen möchte und zerbomben, weil man es im eigenen Leben nicht haben will. Die ganze Gülle eines Daseins. Absolut irrational spielt mein Gehirn alle Widrigkeiten durch, bis ins kleinste Detail.

Und dann sucht es eine Lösung das genau das nicht eintrifft. Es ist so als würde es einen Plan für eine Zukunft schaffen die weit vor einer Zukunft liegt - die weit vor einer Zukunft liegt....
Und dabei sehe ich hin, ich erkenne es... aber ich lass es laufen. Ich gebe den Tränen und Gedanken und Gefühle die Erlaubnis zu fließen. Meine Tochter meinte vorhin:

"Mami du weinst ja wie Regen".

Und genau das fühle ich in mir, Regen. Ich lass ihn einfach laufen, setze alles unter Wasser, ohne es aufhalten zu wollen, ohne irgendwas gegen die Gedanken und Gefühl tun zu können die mit aller Wucht da sind.
Diese Erkenntnis und das Anerkennen dieser Traurigkeit hilft mir. Ich weiß nicht wie lange es andauert, bis es vorbei ist und ich wieder die Starke bin, die ich immer war. Jetzt gerade bin ich es nicht. Jetzt gerade möchte ich mir die Decke über den Kopf ziehen und mich einfach gehen lassen, mich hingeben in diesen Schmerz der in mir reisst und mich regnen lässt. 
Etwas tief in mir weiß das gehört dazu, zu der Erkenntnis der Illusion des Ichs.
Tief in mir ist etwas das mir sanft über den Kopf streichelt und sagt: "Jetzt bist du wieder ein Stückchen weiter. Das hast du nicht gewusst, jetzt weißt du es. Komm lass einfach los ..."

Und ich lass los und der Regen überschwemmt meine Laken, überschwemmt mein Shirt, meinen Hals, meine Wangen...

Und auch wenn ich "Scheiße Scheiße Scheiße" brüllen will, lächelt doch irgendwas ganz still vor sich hin...

Es ist wie es ist... 


Namasté 

eure Andarnil  





Montag, 9. November 2015

Tagebuch - Flocke ist tot...



Ein Zustand von Herbst.

Das Blatt das eben noch am Baum gehangen,
nun vor meinen Füße fällt.
Fällt auch das Leben welches eben noch gelebt
Das Herz welches eben noch geschlagen.
Die Augen welche eben noch gefunkelt haben.

So viele kleine Leben sind gegangen.
Ein ewiges Abschied nehmen
Ein ewiges Willkommen heißen
Ich gedenke heute deinen Namen.


Vorgestern ist unser ältester Kater gestorben, er hieß Flocke und war gehörlos.
Er war viele Jahre Teil unseres Lebens.

Dieses Jahr war kein einfaches Jahr für uns, es gab viele Veränderungen, viele kleine Tode.
Meine Trauer ist nun bewusster und kürzer.
Der Schmerz in meiner Brust ist kurz und präsent.
Das Vermissen ist wie ein kleiner Schleier der sich über mein Leben gelegt hat, ein kurzes Aufflackern einer Präsens die es nicht mehr gibt.
Wir haben ihn beerdigt, während die Sonne unterging und sein Grab in ein goldrotes Licht tauchte.
Shaya sang schief: Gate Gate Paragate Parasamgate bodhi svaha.
Dann sprachen wir das Sutra gemeinsam. Sie legte noch einige Blätter zu ihm ins Grab.
Es war so schön ruhig, genauso ruhig wie er gestorben war.
Er fiel einfach um und war tot.
Ich habe noch versucht durch Mund zu Mund Beatmung und Herzmassage sein Herzchen zum schlagen zu bewegen. Aber er wollte gehen und so lies ich ihn gehen.

Es ist ein anderer Tod, wenn er unvorbereitet kommt. Schnell, unaufhaltsam. Es reißt einem mit, wo immer man gerade ist. Ein Schock, den man erst einmal verarbeiten muss. Nachdem ich versucht hatte, ihm zum Leben zu bringen, standen wir drei eine Weile in der Küche und sahen auf ihn hinab, wie er dort leblos lag. Mein Gehirn konnte es nicht fassen. Er war nicht mehr da.
Gestern habe ich mir die Zeit genommen um zu trauern. Es war ein anderes Trauern. Es war ruhig um mich herum, in mir. Eine wohlige Ruhe ohne nachhallenden Schmerz. Ich hatte alles an Schmerz ausgelebt, danach kam nichts mehr. Wenn ich mich jetzt erinnere, taucht ein Flocke kurz auf und geht wieder. Eine ruhige Erinnerung, eine schöne Zeit mit ihm.

Es geht weiter, jeden Tag ein Stück weiter.
ohne ihn....


Wo immer du bist, vielleicht kannst du jetzt die Vögel singen hören... sei Frei!!!



Namasté

Eure Adarnil